Translate RedGlobe

BesucherInnen:

Heute:856
Gestern:8124
Seit 1. Juni 2005:16257648

junge Welt

redblog

UZ - Unsere Zeit

Zeitung vum Letzeburger Vollek

Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend

So entstand der Internationale Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse | Drucken |  E-Mail

Zur Geschichte des 1. MaiChicago ‑ 1. Mai 1886

Am 1. Mai 1886 begann in den USA ein mehrtägiger Generalstreik. In so bedeutenden Industriezentren wie New York, Philadelphia, Chicago, Louisville, Saint Louis, Milwaukee und Baltimore traten in 11562 Betrieben rund 350000 Arbeiter für den achtstündigen Arbeitstag in den Ausstand. Fast zwei Jahre zuvor hatte sich ein Kongreß der Gewerkschaften, der American Federation of Labor, mit der Forderung an die kapitalistischen Unternehmer gewandt, am 1. Mai 1886 die achtstündige Arbeitszeit einzuführen.

Wenn die amerikanischen Arbeiter den 1. Mai zum »Acht‑Stunden‑Tag« erklärten, so entsprach das der weit in die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung zurückreichenden Tradition, einen bestimmten Tag im Jahr für den Kampf um dieses Ziel auszuwählen. Zum Beispiel hatten die Arbeiter Manchesters den 1. März 1834 als Streiktag bestimmt und ihn langfristig durch eine umfassende Agitation vorbereitet. Seit 1856 feierten Arbeiter der britischen Kolonie Victoria in Australien jährlich am 21. April 1856 ihren Sieg im Kampf um den Achtstundentag als Arbeitertag. In den USA war es seit 1887 der erste Montag im September, der von den Arbeitern als Labor Day begangen wurde. Während er jedoch weitgehend unpolitisch blieb, erhielt der 1. Mai einen ausgeprägt politischen, kämpferischen Charakter. Seit den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde dieser Tag von revolutionären englischen und deutschen Arbeitern im Sinne früherer Volksfelern als Tag des Erwachens der Natur aus dem Winterschlaf für gemeinsameAusflüge genutzt. Verschiedene Arbeiterorganisationen führten auch an diesem Tag ihre jährlichen Kongresse durch.

In den USA war der 1. Mal als sogenannter Moving Day der Stichtag für die Aufhebung oder den Abschluß von Verträgen, für Wohnungswechsel oder Übersiedlungen. Indem die Gewerkschaften ihre Forderungen auf diesen Tag orientierten, wollten sie durchsetzen, daß in die neu abzuschließenden Arbeitsverträge der Achtstundentag als verbindlich aufgenommen wurde. Die Holzarbeiter von San Francisco hatten am 1. Mai 1883 und ihre Berufskollegen in Los Angeles genau ein Jahr später die Einführung des Neunstundentages erreicht.

Die Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit, nach Einführung des achtstündigen Arbeitstages stand seit 1865, dem Ende des Bürgerkrieges, im Mittelpunkt des Kampfes der sich entfaltenden amerikanischen Arbeiterbewegung. Die Agitation für den Achtstundentag hatte sich »mit den Siebenmeilenstiefeln der Lokomotive vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean..., von Neuengland bis nach Kallfornien« ausgebreitet2. Wie populär die Losung des Achtstundentages war, zeigte sich darin, daß die amerikanischen Arbeiter »Acht‑Stunden‑Tabak« rauchten, »Acht‑Stunden‑Schuhe« kauften und das »Acht‑Stunden-Lied« sangen.

Der Generalstreik, der am 1. Mal 1886 in den USA begann, reichte in seiner Bedeutung weit über die Vereinigten Staaten hinaus, weil mit ihm ein Grunderfordernis der internationalen Arbeiterbewegung durchgesetzt werden sollte, das Karl Marx im ersten Band des »Kapitals« folgendermaßen formuliert hatte: Es gelte an »die Stelle des prunkvollen Katalogs der "unveräußerlichen Menschenrechte" ... die bescheidne Magna Charta eines gesetzlich beschränkten Arbeitstags« zu setzen, »die endlich klarmacht, wann die Zeit, die der Arbeiter verkauft, endet, und wann die ihm selbstgehörige Zeit beginnt«.

Während der Generalstreik dieses Ziel für etwa 200.000 Arbeiter verwirklichte, mußten die übrigen den erbitterten und mit  äußerster Brutalität geführten Gegenangriffen der Unter­nehmer standhalten.

Schauplatz besonders heftiger Klassenauseinanderset­zungen war Chicago, eine der größten Städte Nordame­rikas. Hier hatten am 1. Mai 1886 rund 40 000 Arbeiter die Arbeit niedergelegt und auf einer Massenversammlung die Einführung des achtstündigen Arbeitstages gefordert. Die Fabrikherren scheuten vor keinem Mittel im Kampf gegen die Streikenden zurück, deren Zahl sich in den er­sten Maitagen verdoppelte. Tausende von Arbeitern wur­den auf die Straße gesetzt. Von den kapitalistischen Unter­nehmern gedungene bewaffnete Streikbrecherbanden terrorisiertenunterdemSchutzundmitUnterstützungder Polizei die Arbeiter. Als es am 3. Mai zwischen Streik­brechern und den Streikenden einer Nähmaschinenfabrik zu einem Zusammenstoß kam, ging die Polizei mit Waf­fengewalt gegen die Demonstranten vor. Sechs von ihnen brachen im Kugelhagel zusammen.

Aus Protest gegen diese Morde wurde für den 4. Mai eine Versammlung auf dem Haymarket, dem Heumarkt von Chicago, einberufen. Unter den Arbeitern kursierte ein von dem Redakteur der Chicagoer »Arbeiter‑Zeitung«, August Spies, verfaßtes Zirkular, das den Haß gegen die Ausbeuter und deren Schutzgarde noch steigerte; darin hieß es unter anderem: »Ihr habt jahrelang unermeßliche Unbilden ertragen; Ihr habt Euch zu Tode gearbeitet; Ihr habt die Schmerzen des Hungers und des Mangels er­tragen; Ihr habt den Fabrikherren Eure Kinder geopfert ‑ ­kurz, Ihr seid all diese Jahre hindurch erbärmliche Sklaven gewesen. Warum? Um die unersättliche Habgier zu be­friedigen, um die Truhen Eurer faulen und diebischen Herren zu füllen. Wenn Ihr sie jetzt bittet, Eure Bürde ein wenig zu erleichtern, dann senden sie ihre Bluthunde aus, um auf Euch zu schießen, Euch zu töten«.

Die Protestversammlung am Abend des 4. Mai auf dem Haymarket verlief ohne Zwischenfälle. Ein großer Teil der Demonstranten hatte sich nach Abschluß der Kundgebung bereits wieder entfernt, als ein Polizeihauptmann mit mehr als 150 Polizisten im Eilschritt auf die noch Anwesenden zumarschierte und diesen befahl, auseinander zu gehen. Kurze Zeit später erfolgte eine furchtbare Detonation. Ein Unbekannter hatte eine Bombe geworfen, durch die ein Polizist getötet wurde. Die Polizei eröffnete daraufhin ziellos das Feuer. Vier Arbeiter und sieben Polizisten wurden erschossen und zahlreiche Demonstranten ver­wundet.

In den folgenden Wochen und Monaten lastete auf den Arbeitern Chicagos eine wahre Schreckensherrschaft. Eine Verhaftung folgte der anderen. Acht Arbeiterführer wur­den des Mordes angeklagt. Der gegen sie durchgeführte Prozeß richtete sich gegen die gesamte Arbeiterbewe­gung. Hysterisch forderte der Staatsanwalt, daß die Ar­beiter »wie Ratten in ihre Höhlen zurückgejagt« werden sollten.

Der reaktionären Klassenjustiz gelang es während des Prozesses nicht, den Angeklagten eine Schuld an dem Blutbad auf dem Haymarket nachzuweisen. Die Person, die die Bombe geworfen hatte, ist bis heute unbekannt geblieben, vieles spricht jedoch dafür, daß es sich um einen gedungenen Provokateur gehandelt hatte.

Der Prozeß endete damit, daß sieben der Angeklagten auf Grund haltloser Anschuldigungen und Zeugenaus­sagen zum Tode verurteilt wurden. Zwei von ihnen wurden dann vom Gouverneur des Staates Illinois zu lebens­länglichem Gefängnis »begnadigt«. Der Zimmermann Louis Lingg fand unter mysteriösen Umständen in der Nacht vor der Hinrichtung in seiner Zelle den Tod. Eine Dynamitpatrone hatte ihm den Kopf zerschmettert. Die anderen vier ‑ August Spies, Georg Engel, Adolph Fischer und Albert Richard Parsons ‑ wurden am 11. November 1887 mitdem Strang hingerichtet. Unter dem Galgen hatte Spies noch gerufen: »Die Zeit wird kommen, da unser Schweigen im Grabe mächtiger sein wird als unsere Reden.«

Die Verurteilten waren Anarchisten; aber es war nicht zufällig, daß Spies das »Manifest der Kommunistischen Partei« als »unser Programm« bezeichnete und ihm im Vergleich zu diesem die offiziellen Forderungen der amerikanischen Anarchisten als nebensächlich erschie­nen. Viele linksradikale und anarchistische Auffassungen waren ebenso Ergebnis der ungenügenden Reife der amerikanischen Arbeiterbewegung wie eine spontane Reaktion auf die Brutalität des Klassengegners. Friedrich Adolph Sorge, der in den USA lebende Freund und Kampf­gefährte von Marx und Engels, sah in den Verurteilten »eifrige und unermüdliche Agitatoren«, für die »großer Mut, Überzeugungstreue und unantastbare persönliche Ehrenhaftigkeit« kennzeichnend waren. In einer zeit­genössischen Broschüre der deutschen Sozialdemokratie wurde mit Recht auf die Schädlichkeit der von ihnen vertretenen anarchistischen Auffassungen und Bestre­bungen hingewiesen, zugleich aber festgestellt, daß sie »als Vertreter ihrer Klasse« abgeurteilt und »als Märtyrer ihrer bis zuletzt hochgehaltenen Überzeugung, als Opfer brutalen Klassenhasses« in den Tod gegangen waren.

Der an ihnen verübte Justizmord war so offenkundig (Bereits 1893 mußte der Gouverneur des Staates Illinois be­zeichnenderweise das Urteil aufheben und die Hingerichteten rehabilitieren), daß eine Welle des Protestes und der Sympathie mit den Opfern durch die internationale Arbeiterklasse ging.

Mehr Zeit zum Leben und zum Kampf

Der Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit gewann zunehmend an Breite durch den allgemeinen Aufschwung, den die internationale Arbeiterbewegung am Ausgang der achtziger Jahre nahm. Im Dezember 1888 beschloß ein Kongreß der amerikanischen Gewerkschaften in St. Louis, daß die Bewegung für den Achtstundentag am 1. Mai 1890 wieder umfassend aufgenommen und durch große Mas­senversammlungen vorbereitet werden sollte. Wenige Wochen zuvor hatten die französischen Gewerkschaften, die Federation Nationale des Syndicats et Groupes Cor­poratifs Ouvriers de France, auf ihrem Kongreß in Bordeaux die Forderungen nach Mindestlohn, Achtstun­dentag und internationalem Arbeiterschutz erhoben. Am 10. Februar 1889 wurden den Präfekten oder Bürgermei­stern in etwa 60 französischen Städten und Industrie­zentren Petitionen unterbreitet, die diese Forderungen enthielten. Der Erfolg der Aktion war so groß, daß be­schlossen wurde, dem unmittelbar bevorstehenden Internationalen Arbeiterkongreß in Paris einen Antrag vor­zulegen, in dem vorgeschlagen wurde, einen derartigen Schritt im internationalen Maßstab durchzuführen.

1. Mai 1901Der Kampf um die Verkürzung der Arbeitszeit entsprach der Forderung nach Einführung des Normalarbeitstages, worunter Karl Marx einen durch »die gesellschaftliche Kontrolle« gesetzlich beschränkten und regulierten Ar­beitstag mit seinen Pausen verstand.

Bereits 20 Jahre früher, im Jahre 1866, hatte der Genfer Kongreß der unter Mitwirkung von Marx und Engels ge­gründeten Internationalen Arbeiterassoziation die Forde­rung nach gesetzlicher Beschränkung der Arbeitszeit er­hoben. In dem von ihm dazu gefaßten Beschlußwurde die Beschränkung der Arbeitszeit als »eine Vorbedingung« bezeichnet, »ohne welche alle anderen Bestrebungen nach Verbesserung und Emanzipation scheitern müssen. Sie ist erheischt, um die Gesundheit und körperliche Energie der Arbeiterklasse, d. h. der großen Masse einer jeden Nation, wiederherzustellen und ihr die Möglichkeit geistiger Ent­wicklung, gesellschaftlichen Verkehrs und sozialer und politischer Tätigkeit zu sichern.« Der Kongreß schlug vor, den Arbeitstag durch Gesetz auf acht Stunden zu be­schränken. Er verwies darauf, daß eine solche Regelung bereits von den Arbeitern in den USA verlangt und nun­mehr durch seinen Beschluß »zur allgemeinen Forderung der Arbeiterklasse der gesamten Welt« erhoben wurde.

Im Sinne des 1866 auf dem Genfer Kongreß der IAA gefaßten Beschlusses gehörte der Normalarbeitstag auch zu den nächsten Forderungen des Eisenacher Programms der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei von 1869. Der Dresdener Kongreß der SDAP 1871 bezeichnete es in einer einstimmig angenommenen Resolution als »die Pflicht eines jeden Arbeiters, einzutreten für Erkämpfung eines durch Gesetz festgestellten Normalarbeitstages von höchstens 10 Stunden zum Schutze der Arbeiter gegen übermäßig lange Arbeitszeit«. Es bedeutete einen Rückschritt, als diese klare und eindeutige Forderung dann im Programm des Gothaer Vereinigungskongresses 1875 auf die vage Formulierung von einem »den Gesellschafts­bedürfnissen entsprechenden Normalarbeitstag« redu­ziert wurde. Erst in dem Anfang 1885 von den so­zialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag eingebrachten Entwurf eines Arbeiterschutzgesetzes wurde für alle gewerblichen Arbeiter über 16 Jahre ein zehn­stündiger Maximalarbeitstag gefordert.

Zu dieser Zeit war der Arbeitstag schon nicht mehr so lang wie einige Jahrzehnte zuvor, als eine 14stündige tägliche Arbeitszeit keine Ausnahme gewesen war. Die Reduzierung des Arbeitstages war vor allem das Ergebnis des Kampfes der Arbeiterklasse und eine Folge der wachsenden Intensität der kapitalistischen Ausbeutung. Im Bergbau und in der Industrie war eine elfstündige Arbeitszeit ‑ die Pausen nicht mit einbegriffen ‑ die Regel geworden. In der Textilindustrie wurde noch immer täglich 12 bis 15 Stunden und in der Konfektionsindustrie nicht seiten 16 Stunden gearbeitet. Wie von August Bebel im Jahre 1885 veröffentlichte Auszüge aus den Ergebnissen einer amtlichen Erhebung verdeutlichen, waren Nacht­- und Sonntagsarbeit noch gang und gäbe. Auch die Aus­beutung von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren war keiner Beschränkung unterworfen.

Was für den Arbeiter ein Tag Fabrikarbeit physisch und psychisch bedeutete, zeigt der folgende 1894 veröffent­lichte Bericht eines Arztes: »In den Fabriken wird von früh sechs bis abends sechs Uhr oder von sieben bis sieben Uhr gearbeitet, die Mittagspause dauert von zwölf bis ein Uhr, die Frühstückspause um neun Uhr dauert eine viertel oder eine halbe Stunde, in manchen Betrieben fällt sie ganz weg oder gilt nur für die Kinder. Das bedeutet eine lange Ar­beitszeit mit ganz unzureichenden, zu klein bemessenen Unterbrechungen, wie sie sich kaum in einem anderen Berufe findet, und dazu kommt, daß die Arbeit zum größ­ten Teil äußerst einförmig und gleichmäßig ist, häufig den Körper in eine bestimmte, andauernde Haltung zwingt, die leicht zur Ermüdung führt und mit der Zeit durch im­merwährende Wiederholung gesundheitsschädlich wirkt. Die Dauer der Eßpausen ist ungenügend, vornehmlich zu Mittag müssen die Leute hetzen, um in ihre entfernten Quartiere zum Essen zu kommen und danach wieder zu richtiger Zeit zurück zu sein, denn mit dem Pfiff ein Uhr werden die Fabriktore geschlossen, und wer zu spät kommt, wird ausgeschlossen, was eine empfindliche Strafe an Lohneinbuße bedeutet. Deshalb sind diese Pausen auch durchaus keine Erholungsstunden.«

Nach wie vor galt für den Arbeiter, was Karl Marx bereits zwei Jahrzehnte zuvor in seinem Werk »Das Kapital« festgestellt hatte, daß ihn nämlich »in der Tat sein Sauger nicht losläßt, solange noch ein Muskel, eine Sehne, ein Tropfen     Bluts auszubeuten ist. Wie das auch bald in Großbri­tannien populär gewordene »Acht-Stunden‑Lied« der amerikanischen Arbeiter zum Ausdruck brachte, bedeutete kürzere Arbeitszeit für die Arbeiter mehr Leben im Sinne von mehr Freizeit und Erholung. Für die fort­geschrittensten unter ihnen hieß das zugleich auch mehr Zeit für den Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung und für die von ihnen ersehnte glückliche Zukunft in einem Leben in Sozialismus und Frieden.

Indem die Sozialisten in verschiedenen Länder mit Nachdruck die Forderung nach dem Achtstundentag erhoben, kämpften sie ganz im Sinne des »Manifests der Kommunistischen Partei« für die unmittelbar vor der Ar­beiterklasse liegenden Ziele und Interessen, wobei sie »in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung« vertraten. Diese revolutionäre marxistische Taktik, schrieb Friedrich Engels 1887, hatte die Ideen des wissenschaftlichen Kommunismus überall zum Siege geführt und bewirkt, »daß heute die Masse der europäischen Sozialisten, in Deutschland wie in Frank­reich, in Belgien und Holland wie in der Schweiz, in Dä­nemark und Schweden wie in Spanien und Portugal, als eine einzige große Armee unter einer und derselben Fahne kämpft«.

Paris im Juli 1889

Das Paris des Jahres 1889 war Schauplatz der Festlich­keiten, die von derfranzösischen Bourgeoisiezu Ehren des 100. Jahrestages der Revolution von 1789 veranstaltet wurden. Wie besonders auch die aus diesem Anlaß in der Seinestadt durchgeführte Weltaussteilung zeigte, dienten sie in erster Linie dem Ruhm und der Ehre des Kapitalis­mus. Damit hatte der Internationale Arbeiterkongreß nichts gemein, zu dem führende französische Sozialisten Anfang Mai 1889 eingeladen hatten. In dem von ihnen veröffentlichten Aufrut»An die Arbeiter von Europa und Amerika!« stellten sie fest: »Die Kapitalistenklasse ladet die Reichen und Mächtigen zu derWeltausstellung ein, um die Werke der Arbeiter zu betrachten und zu bewundern, die, selber inmitten des mächtigen Reichtums, den je eine menschliche Gesellschaft besessen, zum Elend verurteilt sind. Wir Sozialisten, deren Streben die Befreiung der Arbeit, die Abschaffung des Lohnsystems und die Er­richtung eines Gesellschaftszustandes ist, in dem alle Arbeiter ‑ ohne Unterschied des Geschlechtes und der Nationalität ‑ ein Recht auf den durch die gesamte Arbeit geschaffenen Reichtum haben, wir laden die wirklichen Produzenten ein, mit uns am 14. Juli in Paris zusammen­zutreffen!
Wir laden sie ein, das Band der Brüderlichkeit zu festi­gen, das, indem es die Proletarier aller Länder in ihrem Kampfe stärkt, den Beginn der neuen Weltordnung be­schleunigen wird.«

Am 14. Juli, dem Eröffnungstag des Internationalen Arbeiterkongresses, fanden sich in Paris etwa 390 Da­legierte von sozialistischen Arbeiterparteien und ‑gruppen sowie von Gewerkschaften zusammen. Sie kamen aus fast allen Ländern Europas: aus Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Ita­lien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Rußland, Schweden, der Schweiz, Spanien und Ungarn. Aber auch die sozialistischen Ar­beiter der USA und Argentiniens hatten ihre Vertreter nach Paris entsandt.

An der Stirnwand des mit roten Fahnen geschmückten Saales, in dem der Kongreß tagte, konnten die Delegierten die nach dem berühmten Kampfruf aus dem Kommuni­stischen Manifest formulierte Losung »Proletarier aller Länder, vereinigen wir uns!« lesen. Darunter war ein Transparent angebracht das folgende Inschrift trug: »Irn Namen des Paris vom Juni 1848 und vom März, April und Mai 1871 und des Frankreich der Babeuf, Blanqui und Varlin Gruß den sozialistischen Arbeitern beider Welten.«

Der Schwiegersohn von Karl Marx, der führende fran­zösische Sozialist Paul Lafargue, begrüßte die Delegierten. Er erklärte unter anderem: »Die Bourgeoisie feiert das Hundertjahr ihrer Revolution, dieser Revolution, weiche verkündigte, sie werde Gerechtigkeit, Freiheit und Gleich­heit unter den Menschen aufrichten, undwelche mitnichts Besserem zu endigen wußte, als mit der grausamsten und schrankenlosesten Ausbeutung der Arbeiter... Die De­legierten des internationalen Sozialistenkongresses von 1889 erklären schon durch ihr bloßes Zusammentreten, daß sie etwas anderes auszuführen haben als das Werk der Revolution von 1789; sie beugen sich nicht vor den Rechten des Menschen und Bürgers von 1789, die ja doch nur die Rechte des Bürgergeldsackes sind ... In diesem Saal sind die Apostel eines neuen Gedankens versammelt. Seit Jahren predigen sie den Arbeitern der zivilisierten Nationen:. Ihr seid Brüder und habt nur einen Feind: das Privatkapital ‑ sei es preußisch, englisch, französisch oder chinesisch. Ihre unermüdliche Propaganda hat, bei aller wirtschaftlichen und politischen Unterdrückung durch die Kapitalistenklasse, bereits die geistige Einigung der So­zialisten beider Welten zustande gebracht.«

1er MaiEs war vor allem Friedrich Engelszu verdanken, daß sich auf dem Pariser Kongreß die revolutionären marxisti­schen Kräfte durchsetzten und die II. Internationale grün­deten. Von ihr wurde das große Werk der Internationalen Arbeiterassoziation fortgesetzt, über deren Wirken Wil­helm Liebknecht bei der Eröffnung des Kongresses er­klärte: »Sie ist nicht tot ‑ sie ist übergegangen in die mächtigen Arbeiterorganisationen und Arbeiterbewegun­gen der einzelnen Länder, und lebt in diesen fort. Sie lebt in uns fort. Dieser Kongreß ist das Werk der Internationa­len Arbeiter‑Assoziation. «

Nach heftigen Auseinandersetzungen mit den franzö­sischen Opportunisten (Possibilisten) wandten sich die Delegierten den Berichten zu, die führende Vertreter der internationalen Arbeiterbewegung über die Lage der Ar­beit und der sozialistischen Bewegung in den verschiede­nen Ländern erstatteten. Der Kongreß bekannte sich zur Abschaffung der stehenden Heere und zur allgemeinen Volksbewaff nung und verlangte eine wirksame internatio­nale Arbeiterschutzgesetzgebung.

Die Geburtsurkunde des Ersten Mai

Am Nachmittag des 20. Juli fand die letzte Sitzung des Pariser Kongresses statt. Die Verhandlungen näherten sich bereits ihrem Ende, als der französische Gewerkschafts­führer Raymond Lavigne eine von der Tagesordnung her nicht vorgesehene Resolution einbrachte. Wie August Bebel später berichtete, war Sie von ihm und Wilhelm Liebknecht, dem Führer der österreichischen Sozialdemo­kraten, Victor Adler, dem früheren Mitglied des General­rats der 1. Internationale und Mitbegründer der Sozialisti­schen Partei Frankreichs Edouard Vaillant und Paul La­fargue in vertraulicher Besprechung vorbereitet worden.

Es handelte sich um den folgenden historisch denk­würdigen Antrag:

»Internationale Kundgebung zum 1. Mai 1890.
Der Kongreß beschließt:
Es ist für einen bestimmten Zeitpunkt eine große inter­nationale Manifestation (Kundgebung) zu organisieren, und zwar dergestalt, daß gleichzeitig in allen Ländern und in allen Städten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten (Behörden) die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen und die übrigen Beschlüsse des internationalen Kongresses von Paris zur Ausführung zu bringen.
In Anbetracht der Tatsache, daß eine solche Kund­gebung bereits von dem Amerikanischen Arbeiterbund (Federation of Labor) auf seinem im Dezember 1888 in St. Louis abgehaltenen Kongreß fürden 1. Mai 1890 beschlos­sen worden ist, wird dieser Zeitpunkt als Tag der inter­nationalen Kundgebung angenommen.
Die Arbeiter der verschiedenen Nationen haben die Kundgebung in der Art und Weise, wie sie ihnen durch die Verhältnisse ihres Landes vorgeschrieben wird, ins Werk. zu setzen.«

Der Resolutionsentwurf wurde nach kurzer Diskussion angenommen. Der Beschluß, am 1. Mai 1890 in allen Ländern Kundgebungen für den achtstündigen Arbeitstag zu organisieren, wurde zur Geburtsurkunde der Maifeier.

Einmütig lehnte der Kongreß einen Antrag ab, »als Anfang der sozialen Revolution den Generalstreik [zu] beschließen«. Indem der Kongreß damit eine anarchi­stische Verfälschung des Ersten Mai entschieden zurück­wies, bekannte er sich klar zum politischen Klassenkampf als Hauptform des revolutionären Kampfes der Arbeiter­klasse, der die Existenz einer revolutionären marxisti­schen Kampfpartei ebenso zur Konsequenz haben mußte wie die Errichtung der Diktatur des Proletariats.

Aus der Geschichte und Gegenwart des Kampfes um die Regelung des Arbeitstages hatte Marx die Schlußfolge­rung gezogen, daß in ihm »der vereinzelte Arbeiter... widerstandslos unterliegt« und daß daher die »Schöpfung eines Normalarbeitstags ... das Produkt eines langwie­rigen, mehr oder minder versteckten Bürgerkriegs zwi­schen der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse« ist.

Mit dem historischen Beschluß des Pariser Kongresses 1889 wurde die Forderung nach dem Achtstundentag zur »gemeinsamen Forderung des Weltproletariats« (Lenin).

Dieser Kampf besaß für ihn den Charakter einer »aus den vereinzelten ökonomischen Bewegungen der Arbeiter« hervorgehenden »politische[nl Bewegung..., d. h. eine[rl Bewegung der Klasse, um ihre Interessen durchzusetzen in allgemeiner Form, in einer Form, die allgemeine, ge­sellschaftlich zwingende Kraft besitzt«.

Die Geburtsurkunde des Ersten Mai hat sich in den zurückliegenden neun Jahrzehnten als eines der bedeu­tendsten Dokumente der internationalen Arbeiterbewe­gung erwiesen. Mit dem Achtstundentag wurde eine Kampflosung zur »gemeinsame[nl Forderung des Welt­proietariats«, betonte Lenin, die sich nicht an einzelne Unternehmer richtete, »sondern an die Staatsmacht als die Vertreterin des gesamten gegenwärtigen sozialen und politischen Regimes, an die gesamte Klasse der Kapitali­sten, die im Besitze aller Produktionsmittel sind. Die For­derung des Achtstundentages hat besondere Bedeutung erlangt: sie bekundet die Solidarität mit der iriternationa­len sozialistischen Bewegung.«

Als der Beschluß des Pariser Kongresses am 1. Mai 1890 verwirklicht wurde, sah Friedrich Engels darin ein Ereignis von epochaler Bedeutung. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte erlebte die Menschheit das Schauspiel, hob damals Paul Lafargue hervor, »daß die Proletarier der ganzen Welt in dem gleichen Gedanken geeint, von dem gleichen Willen bewegt, auch der gleichen Losung folgen, daß sie ihre Kräfte zu einer gemeinsamen, einheitlichen Aktion zusammenschließen«.

Die in Paris neu gegründete Internationale besaß lange Zeit kein Statut und auch kein zentrales Leitungsgremium. Ein wesentlicher Grund hierfür bestand darin, daß die reaktionäre Klassenjustiz in vielen Ländern einen engeren organisatorischen Zusammenschluß nicht ermöglichte. Gerade deswegen war der Beschluß über die Maifeier für die weitere Entwicklung der internationalen Arbeiter­bewegung, für die Festigung und den Ausbau ihrer Ver­bindungen untereinander von besonders großem Wert. »Die Resolution zum 1. Mai«, stellte Friedrich Engels fest, »war die beste, die unser Kongreß annahm. Sie beweist unsere Macht in aller Weit, sie erneuert die Internationale besser als alle formalen Versuche zur Reorganisation ... «

»Stände nur Marx noch neben mir ... !«

Der Beschluß des Pariser Arbeiterkongresses über den Ersten Mai rief in der internationalen Arbeiterbewegung große Begeisterung hervor. Die Arbeiter in zahlreichen Ländern bereiteten sich mit großem Einsatz auf die erste Maifeier vor.

Die gesamte Tätigkeit der österreichischen Sozialdemo­kraten stand in den nun folgenden Monaten unter der Losung »Rüstet zur Maifeier!« Die amerikanischen Ge­werkschaften präzisierten ihre 1888 in St. Louis getroffene Festlegung, am 1. Mai 1890 im gesamten Land bedeutende Aktionen für den Achtstundentag durchzuführen. Da sie mit dem erbitterten Widerstand der Kapitalisten rechnen mußten, wählten sie für den Kampf um den Achtstunden­tag am 1. Mai 1890 die Verbände der Zimmerer und Schreiner aus und sicherten ihnen die Unterstützung durch die anderen Gewerkschaften zu. Im wilhelminischen Kaiserreich bekannten sich die Arbeiter in Hunderten von Versammlungen begeistert zum neuen Kampftag des in­ternationalen Proletariat.

Mit Genugtuung stellte Friedrich Engels Anfang De­zember 1889 fest: »Für den 1. Mai 1890 wird überall ge­arbeitet.« Voller Erwartung sah er in den folgenden Wochen und Monaten diesem großen Tag entgegen. Es hatte mehr als nur symbolische Bedeutung, daß er das Vorwort zur vierten deutschen Ausgabe des »Manifests der Kommunistischen Partei« gerade am 1. Mai 1890 beendete, Friedrich Engels erinnerte daran, daß vier Jahr­zehnte zuvor nur wenige Stimmen geantwortet hatten, als Marx und er die Worte »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« in die Weit hinausriefen. Daß der von der Inter­nationalen Arbeiterassoziation gegründete »ewige Bund der Proletarier aller Länder ... kräftiger lebt als je, dafür gibt es keinen bessern Zeugen als grade den heutigenTag. Denn heute, wo ich diese Zeilen schreibe, hält das europäische und amerikanische Proletariat Heerschau über seine zum erstenmal mobil gemachten Streitkräfte, mobil gemacht als ein Heer, unter einer Fahne und für ein nächstes Ziel: den schon vom Genfer Kongreß der Inter­nationale 1866 und wiederum vom Pariser Arbeiterkon­greß 1889 proklamierten, gesetzlich festzustellenden, achtstündigen Normalarbeitstag. Und das Schauspiel des heutigen Tages wird den Kapitalisten und Grundherren aller Länder die Augen darüber öffnen, daß heute die Proletarier aller Länder in der Tat vereinigt sind. Stände nur Marx noch neben mir,dies miteignenAugen zu sehn!«

Es waren Hunderttausende von Arbeitern, die 1890 in Europa und den USA unter der Losung des Kampfes um den Achtstundentag den 1. Mai begingen. In Chicago, New York und St. Louis zogen die Arbeiter in geschlossenen Demonstrationszügen durch die Straßen. In 144 Orten der Vereinigten Staaten streikten die Zimmerer und Schreiner für den Achtstundentag; in 132 Orten konnten sie eine erhebliche Verkürzung ihrer Arbeitszeit erzwifigen. In Frankreich wurde am 1. Mai in 138 Städten und größeren Ortschaften sowie in mehreren Bergwerksrevieren die Arbeit niedergelegt. Große Umzüge fanden in Calais, Lyon, Marseilie, Montpellier, Reims, Roubaix, St. Quentin, Troyes und Valenciennes statt. Vielfach folgten die Ar­beiter den Vorschlägen der französischen Marxisten und entsandten Delegationen, die den Behörden Petitionen mit der Forderung nach dem Achtstundentag übergaben. »Wer sich daran erinnert«, berichtete Paul Lafargue, »wie ungemein schwer es hielt, die Masse für die sozialen Fragenzuinteressieren,derbernerktmitStaunen,welcher ungeheure Umschwung sich in der Beziehung seit den letzten Jahren, ganz besonders aber seit dem ersten Mai 1890 vollzogen hat. Die soziale Frage ist in den Mittelpunkt des Interesses der Arbeiterklasse getreten. Die Maimanife­station erweist sich als der mächtigste Hebel, den die französischen Sozialisten je besessen haben, um auf die profetarischen Massen einzuwirken und sie vorwärts zu bewegen .«

In den belgischen Industriezentren und Kohlenbecken ruhte vielerorts die Arbeit. An Festumzügen in Brüssel waren 15000 und in Gent 10000 Menschen beteiligt. In Amsterdam fanden sich die Arbeiter am Mittag des 1. Mai zu einem großen Meeting zusammen. Am Abend ver­sammelten sich in mehreren holländischen Städten die Arbeiter. Die an diesem Tag in Stockholm und in der unmittelbaren Nähe von Kopenhagen durchgeführten Kundgebungen hatten jeweils etwa 30000 Teilnehmer. Auf einer Schäre bei Helsingfors fanden sich etwa 100 Buchdrucker zur ersten Maifeier der finnischen Arbeiter­bewegung zusammen. 50 000 Arbeiter versammelten sich am Nachmittag des 1. Mai in Budapest. Einen imposanten Verlauf nahmen die Maifeiern in Prag, Brno und anderen tschechischen Städten. In Italien demonstrierten in zahlreichen Städten trotz Verbots durch die Behörden die Arbeiter.,Dabei kam es in Mailand, Lugano und Turin zu Zusammenstößen mit der Polizei. In Russisch‑Polen und hier vor allem in Warschau beteiligten sich etwa 10000 Arbeiter an der Maifeier. In Portugal waren es rund 14000 Arbeiter. In Spanien, wo die Maifeier erst am 4. Mai statt­fand, demonstrierten Zehntausende in Madrid, Barcelona, Bilbao, Saragossa,Valencia,Tarragona, Burgos,Valladolid und anderen Städten.

Zu einem besonderen Höhepunkt wurde die Maifeier in Österreich. Während der 1. Mai für die österreichische Arbeiterklasse tatsächlich ein Festtag war, erschien er Teilen der Mittelschichten wie ein unheilvolles Menetekel ‑ besonders ängstliche Fabrikanten ließen am 1. Mal Kessel mit Wasser heizen, um bei einem Sturm auf ihre Fabriken die »Rebellen« mit kochendem Wasser über­gießen zu können. Infast allen Industriebetrieben ruhte die Arbeit. Der Druck der Massen auf die kapitalistischen Unternehmer war so groß, daß diese es vielfach nicht wagten, den angekündigten Lohnabzug vorzunehmen. Allein in Wien fanden am Vormittag mehrals 60Versamm­lungen statt, in denen eine begeisterte Stimmung herrschte.

1. MaiIn einem Rückblick auf die erste Maifeier schrieb Fried­rich Engels wenige Wochen später: »Feind und Freund sind einig darüber, daß auf dem ganzen Festland Öster­reich, und in Österreich Wien den Festtag des Proletariats am glänzendsten und würdigsten begangen« habe. Wien und ganz Österreich hätten der gesamten internationalen Arbeiterbewegung ein Vorbild gegeben, »wie ein pro­letarisches Klassenfest zu feiern ist«.21 Der erste Platz in der Maifeierbewegung des Jahres 1890 gebührte jedoch nach Meinung von Engels nicht dem österreichischen, sondern dem englischen Proletariat.

Die erste Maifeier der Londoner Arbeiter fand auf Drängen der Reformisten am Sonntag, dem 4. Mai, statt. Im Londoner Hyde Park hatten sich etwa 300000 Menschen versammelt, die sich in ihrer großen Mehrheit zu den marxistischen Losungen bekannten. Aufmerksam folgten sie den Reden führender Vertreter der internationalen Arbeiterbewegung, die von sieben Tribünen aus zu den Massen sprachen. Auf einer von ihnen, einem großen Güterwagen,befand sich FriedrichEngels. Er war von dem Ausmaß der Demonstration geradezu überwältigt. Sie bewies ihm eindringlich, daß nun die »Enkel der alten Chartisten ... in die Schlachtlinie« traten. Begeistert schilderte er am 9. Mai 1890 August Bebel seine Erleb­nisse. »Was gäb' ich drum«, beendete er seinen Brief, »wenn Marx dies Erwachen noch erlebt hätte, er, der so genau auf das kleinste Symptom achtete, grade hier in England! Von dem Pläsier, das ich diese letzten 14 Tage erlebt, habt ihr keine Vorstellung. Es kommt aber auch dick. Erst Deutschland im Februar (Bei den Reichstagswahlen am 20. Februar 1890 hatte die Sozialdemokratie einen glänzenden Wahlsieg errungen), dann der 1. Mai drüben und in Amerika, und nun dieser Sonntag, wo seit 40 Jahren zum ersten Mal wieder die Stimme des englischen Pro­letariats ertönt. Ich trug den Kopf zwei Zoll höher, als ich von dem alten Güterwagen herabstieg.«

Auseinandersetzungen um den Ersten Mai in der deutschen Arbeiterbewegung

Besonderen Anklang hatten die Beschlüsse des Pariser Kongresses in der deutschen Arbeiterbewegung gefunden. Sie bestärkten die Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen das Sozialistengesetz, verliehen den Sozialdemo­kraten und Gewerkschaftern mehr Kraft in ihrem Ringen gegen den preußisch‑deutschen Militärstaat.

Das starke Anwachsen der Streikbewegung nach 1888 war das sichtbare Zeichen, daß die herrschenden Klassen ihr Ziel, die Arbeiterklasse mundtot zu machen und sie ihrer Führung zu berauben, nicht erreicht hatten. Mehr als 394000 Arbeiter beteiligten sich vom 1. Januar 1889 bis Ende April 1890 an insgesamt 1131 Streiks. Die bedeu­tendste Aktion der deutschen Arbeiterklasse in diesem Zeitraum war der Streikvon rund 150000 Bergarbeitern im Mai/Juni 1889 für die Achtstundenschicht, der bisher noch nicht organisierte Arbeiter in den Kampf einbezog. Zugleich mit der Zunahme der Streikaktivität wuchs die sozialistische Gewerkschaftsbewegung in die Breite, und begann sie, eine neue Qualität zu erreichen. Unmittelbar vor dem Erlaß des Sozialistengesetzes hatten die ge­werkschaftlichen Zentralverbände eine Stärke von 50000 Mitgliedern, 1886 waren es mehr als 81000 und vier Jahre später etwa 300000 Mitglieder.

Seit Herbst 1889 sprachen sich die Teilnehmer vieler öffentlicher Gewerkschaftsversammlungen für die Arbeitsruhe am 1. Mai aus. In Berlin waren bis Mitte De­zember 1889 von 18 Berufsorganisationen solche Zusam­menkünfte durchgeführt worden; von den Bildhauern, Drechslern, Feilenhauern, Korbmachern, gewerblichen Hilfsarbeitern, Malern und Lackierern, Mantelnäherinnen, Militärschneidern, Posamentierern, Schriftgießern, Step­pern, Tabakarbeitern, Tischlern, Töpfern, Tuch‑ und Raschmachern sowie den Webern und Wirkern. »Nur immer munter vorwärts«, schrieb diesozialdemokratische »Berliner Volks‑Tribüne« am,14. Dezember 1889, »dem zu erwartenden glänzenden Sieg der Arbeiterpartei bei den kommenden Reichstagswahlen wird ein solcher am 1. Mai 1890 folgen. Da werden die Bauten ruhen, da wird kein Schornstein rauchen, werden keine Maschinen kreischen, öde und still wird es im Fabriksaal sein ‑ denn wenn der Arbeiter will, stehen alle Räder still.«

Die Begeisterung für die Arbeitsruhe am 1. Mai wuchs noch weiter an, als am 25. Januar 1890 der Reichstag die erneute Verlängerung des Sozialistengesetzes ablehnte und wenige Wochen später, am 20. Februar, bei den Reichstagswahlen 1427 298 Wählerfür die sozialdemokra­tischen Kandidaten stimmten, was 19,7 Prozent der ab­gegebenen gültigen Stimmen entsprach. Damit hatte sich die Zahl der sozialdemokratischen Wähler im Vergleich zu den vorangegangenen Wahlen von 1887 fast verdoppelt. Die Wahlen vom 20. Februar 1890 bedeuteten den »Anfang vom Ende der Ära Bismarck«31.

Waren die Forderungen, mit den kapitalistischen Unter­nehmern am 1. Mai den offenen Kampf aufzunehmen, zunächst nicht über lokale Grenzen hinausgegangen, so änderte sich das, als am 23. März ein von zwölf bekannten Berliner Sozialdemokraten unterzeichneter Aufruf »Was soll am 1. Mai geschehen?« erschien. Darin wurde ge­fordert, an diesem Tage in allen Industriestädten mit starken Gewerkschaftsorganisationen die Arbeit ruhen zu lassen.

Die Führung der Sozialdemokratie, die damals in den Händen des Vorstands der Reichstagsfraktion lag und bis in den März hinein durch die Reichtstagswahlen aufs äußerste beansprucht worden war, widersprach dem Aufruf energisch. Sie durfte sich in einer so entscheiden­den Frage nicht einfach übergehen lassen und befürchtete zu Recht überstürzte, planlose und zersplitterte Aktionen. Diesen Überlegungen verlieh August Bebel am 31. März 1890 in einem Brief an Friedrich Engels Ausdruck: »Ich stimme ganz mit Dir überein, daß wir in Deutschland uns in einer Lage befinden, welche die größte Umsicht und Geschicklichkeit unsererseits erfordert. Aus diesem Grunde haben wir auch alle Ursache, bei der Demonstra­tion am 1. Mai die Massen in Schranken zu halten, damit es zu keinen Konflikten kommt. Ließen wirjetztden Leuten die Zügel schießen, solche Konfliktewären unausbleiblich, denn die Wahlen haben den weniger geschulten Massen die Köpfe verdreht, und sie glauben, bloß wollen zu müssen, um alles durchsetzen zu können. «

Sehr spät, erst am 13. April, nahm dann die so­zialdemokratische Reichstagsfraktion zur Frage der Maifeier Stellung. Auch sie riet den deutschen Arbeitern davon ab, den 1. Mai »zu einem Tag der allgemeinen Arbeitsruhe« zu machen.

Bei allen kritischen Vorbehalten, die Friedrich Engels gegenüber dem Aufruf hatte, bezeichnete er es als Pflicht der Parteiführung, »den übertriebnen Gelüsten entgegen­zutreten. Die Bourgeois, die politische Polizei, bei der es jetzt ums Brot geht, die Herren Offiziere, sie alle möchten gern dreinschlagen und schießen und suchen jeden Vor­wand auf, dem jungen Wilhelm (Wilhelm II. ‑ D. F.) zu beweisen, daß er nicht rasch genug schießen lassen kann.«

Im Gegensatz zu Friedrich Engels und August Bebel, begründete die Fraktion ihre Entscheidung jedoch zualler­erst damit, daß der Pariser Kongreß nicht vorgeschrieben hatte, auf welche Weise die Kundgebung am 1. Mai er­folgen sollte, und insbesondere von einer Arbeitsruhe nicht die Rede gewesen wäre. Das stimmte zwar formal, widersprach aber dem kämpferischen Charakter der Pari­ser Resolution ebenso wie dem Erfordernis nach einem. gerade in dieser Situation so dringend notwendigen Do­kument von starker Überzeugungskraft gegenüber den Massen .

Zuckerbrot und Peitsche

Die herrschenden Klassen im Deutschen Reich verfolgten seit dem Pariser Kongreß von 1889 besonders aufmerk­sam, wie sich die deutsche und internationale Arbeiter­bewegung auf den 1. Mai vorbereitete. Nach Rücksprache mit den Regierungen der anderen europäischen Groß­mächte wurde von der deutschen Regierung intensiv er­örtert, weiche Haltung sie am 1. Mai einnehmen und mit weichen Maßnahmen sie einer Verwirklichung des Pariser Maifeierbeschlusses entgegenwirken sollte. Die Antwort auf diese Frage war besonders umstritten, weil es vor­nehmlich seit dem machtvollen Ruhrbergarbeiterstreik vom Mai/Juni 1889 und in den Auseinandersetzungen über die von Bismarck geplante Verewigung des Soziali­stengesetzes starke Differenzen innerhalb der herrschenden Klassen über die anzuwendenden Herrschafts‑ und Unterdrückungsmethoden gab. Während Bismarck für deren weitere Verschärfung bis zum Einsatz der Armee und damit für die »Peitsche« eingetreten war, wollte sich der junge Kaiser stärker auf die Anwendung scheinlibera­ler Methoden, also auf das »Zuckerbrot« orientieren. Seine »Arbeiterfreundlichkeitsgelüste« charakterisiorte Fried­rich Engels als »rein bonapartistisch‑demagogisch, aber verquickt mit konfusen Träumen von gottbegnadeter Fürstenmission« .

Wilhelm II. stand der Arbeiterbewegung mit dem glei­chen Haß und Unverständnis gegenüber wie sein Reichs­kanzier Bismarck, den er nach dem Fiasko seiner Un­terdrückungspolitik gegen die Arbeiterklasse am 20. März entlassen mußte. Diese Einhelligkeit in den Auffassun­gen zeigte sich deutlich in der Haltung des Monarchen zur Maifeierbewegung und zu den mit ihr zusam­menhängenden Grundfragen. Wie 1. Mai 1908berechtigt Friedrich Engels' Feststellung war, daß »Wilhelmchens Arbei­terfreundlichkeit... durch Militärdiktaturgelüste« ergänzt wurde, verdeutlichen die Berichte, die der damalige österreichische Außenminister aus Berlin erhielt. Aus ihnen schlußfolgerte er am 15. April, daß die Zeitungs­meldungen, Wilhelm II. hätte sich im Zusammenhang mit den bevorstehenden Maidemonstrationen zugunsten der Arbeiter ausgesprochen, »eine tendenziöse Erfindung« wären. Der deutsche Kaiser hätte vielmehr »über die Streikbewegung dringend geäußert, daß, nachdem nun für die Verbesserung des Loses der Arbeiter das mögliche geschehen sei, er bei der nächsten Gut und Leben gefähr­denden Arbeiterbewegung ganz entschieden dreinhauen lassen werde und die entsprechenden Befehle auch schon gegeben worden seien«.

Wenige Tage zuvor, am 11. April, hatte der preußische Minister des Innern in einem Erlaß an sämtliche Regie­rungspräsidenten und den Berliner Polizeipräsidenten angeordnet, daß kapitalistischen Unternehmern, die sich der angeblich ungesetzlichen Forderung »auf Veranstal­tung eines Arbeiterfeiertages« nicht fügen wollten, sowie Streikbrechern polizeilicher Schutz gewährt und eine rechtzeitige Verstärkung der polizeilichen Exekutivmannschaften vorgenommen werden sollte.38 In den Orten, wo umfangreiche Demonstrationen und insbesondere Ru­hestörungen zu befürchten« seien, müßten »die Militärbehörden rechtzeitig von der Sachlage und von den zur Bewältigung der etwaigen Ruhestörungen getroffenen Maßnahmen« in Kenntnis gesetzt werden.

Der sächsische Minister für Auswärtige Angelegenheiten berichtete am 24. April aus Dresden nach Berlin, daß man in der Regierung hinsichtlich des 1. Mai »in Betreff Chemnitz und Umgegend und des Oelsnitz‑Lugauer Kohlenreviers nicht ganz ohne Besorgnis wäre«. Es sollten nur noch die Berichte der dortigen Amtshauptleute ab­gewartetwerden, um »in unauffälligerWeise« die Truppen durch »militärische Spaziergänge« des Ulanenregiments Nr. 18 aus Rochlitz und einiger Infanterieabteilungen zu verstärken.

In einem Interview empfahl Bismarck, der sich nach seinem Sturz schmollend auf seine Güter zurückgezogen hatte, am 1. Mai von jeder Einmischung abzusehen, um nicht das Kraftgefühl der Demonstranten noch mehr zu steigern. Zugleich ließ er jedoch durchblicken, daß er an ein gewaltsames Vorgehen dachte. Zynisch erklärte er, es sei feige, »dem Druck einer Demonstration nachzugeben. Zuweilen besteht das echte Wohlwollen darin, Blut zu vergießen. das Blut einer aufrührerischen Minorität, und zwar zur Verteidigung der ruheliebenden und dem Gesetz gehorchenden Majorität.«

Herr im Hause

Am 24. April 1890 ging ein Bericht des sächsischen Außen­ministers von Dresden nach Berlin, der eine sicherlich übertriebene, aber dennoch für die damalige Situation äußerst bezeichnende Feststellung enthielt: »Der freudige Aufschwung aller Geschäfte im vergangenen Jahre ist seit mehreren Wochen geschwunden und statt seiner hat eine allgemeine Stockung im Handel und Gewerbe Platz er­griffen. Das Kapital zieht sich von gewerblichen Unter­nehmungen zurück, und es wird einer geraumen Frist der Ruhe auf dem Gebiet der Lohnbewegungen bedürfen, um die Wunden, die der Beschluß des Pariser Sozialisten­kongresses in bezug auf die Feier des 1. Mai Handel und Gewerbe zugefügt hat, zu heilen und das Vertrauen des Kapitals wieder zu gewinnen.«

Die Mehrzahl der kapitalistischen Unternehmer ver­stärkte damals ihren Kampf gegen die sozialistische Ar­beiterbewegung und war sich dabei der Unterstützung durch die Behörden, die Polizei und das Militär sicher. Die beschleunigte Bildung von Unternehmerverbändenn diente vor allem dem Ziel, ein geschlossenes und wirksameres Vorgehen bei der weiteren sozialen und politischen Ent­rechtung der Arbeiter und bei der Zerstörung der Ge­werkschaften zu erreichen. Diese Verbände bereiteten Kampfmaßnahmen für den 1. Mai 1890 vor.
Etwa zehn Tage vor dem 1. Mai schlossen sich in Ham­burg sämtliche Innungen und gewerblichen Vereine der Stadt, die Reedereien, Werften und Schiffahrtslinien sowie die Großkaufmannschaft zum Arbeitgeberverband Ham­burg‑Altona zusammen. Diese Gründung erfolgte, nach­dem führende Vertreter des Centralverbandes Deutscher Industrieller am 16. April den Ex‑Reichskanzler Bismarck auf dessen Gut in Friedrichsruh aufgesucht und ihm eine Dank‑ und Ergebenheitsadresse überreicht hatten. In einer von allen Mitgliedern unterzeichneten öffentlichen Be­kanntmachung wurde mitgeteilt, daß der Verband zu dem Zweck gegründet worden war, »Arbeiter, welche aus Anlaß sozialdemokratischer Demonstrationen am 1. Mai dieses Jahres von der Arbeit fortbleiben oder dieselbe vorzeitig einstellen, als kontraktbrüchig zu entlassen und am 2. Mai abzulohnen. Wer wegen glaubwürdig nach­zuweisenden Wohnungswechsels für den 1. Mai Urlaub wünscht, hat solchen spätestens bis zum 28. April nach­zusuchen.«43 Zur Bildung eines Kampffonds wurden von den Verbandsmitgliedern innerhalb weniger Tage zwei Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Manche Firmen beteiligten sich mit Beträgen bis zu 100000 Mark.

Ähnliche Maßregelungen wurden den Arbeitern in zahl­reichen anderen Orten angedroht. So faßte der ebenfalls neugegründete Arbeitgeberverband der Leipziger Groß­industriellen gegen die Maifeierbewegung die folgenden Beschlüsse: »l. Wenn in einer Fabrik zwei Drittel der Ar­beiter feiern, soll der Betrieb auf gewisse Zeit ganz ge­schlossen werden. 2. Fehlen nur einzelne Arbeiter, so sollen diese sofort oder in kürzest möglicher Frist ent­lassen werden. 3. Wegen Arbeitsverweigerung am 1. Mai entlassene Arbeiter dürfen nur mit reduziertem Lohn und nur von ihrem alten Arbeitgeber wieder eingestellt wer­den. 4. Arbeiter, welche anläßlich des 1. Mai entlassen wurden, dürfen während der folgenden 6 Wochen in keiner anderen Fabrik Aufnahme finden.«

Auf diese Weise wollten die Kapitalisten den 1. Mai dazu nutzen, das »Machtgefühl der Massen« zu brechen und »die Belegschaften möglichst von der Sozialdemokratiezu säubern«. Auf die vielen in kleineren Gewerbebetrieben beschäftigten Arbeiter suchten die Handwerksinnungen einzuwirken. Die Teilnahme an der Maifeier wurde von ihnen »als eines tüchtigen Handwerksgesellen nicht wür­dige Handlungsweise« hingestellt. Wer dennoch am 1. Mai der Werkstatt fernbliebe, sollte damit »das Recht verwirkt« haben, »weiter darin Arbeit zu finden«.

Für die herrschenden Klassen galt es damals als selbst­verständlich, daß die Arbeiter ohne Widerspruch zu gehorchen hatten. Der saarländische Großindustrielle Carl Ferdinand Freiherr v. Stumm‑Halberg verglich die Arbeiter seiner Eisenwerke am liebsten mit dem Militär. Gleich diesem sollten sie »wie ein Mann« zusammenstehen, wenn es galt, »die Konkurrenz sowohl wie die finsteren Mächte des Umsturzes zu bekämpfen«, und auch die entsprechende militärische Disziplin halten. »Hat der Ar­beiter einmal die Autorität des Arbeitgebers über den Haufen geworfen, unterwirft er sich ihr nicht mehr, lacht er ihn einfach aus, wenn er ihn strafen will, ...dann wird die Autorität auf anderen Gebieten, in Staat und Kirche, sehr bald folgen. «47 Stumm ging sogar so weit, das Privat­leben seiner Arbeiter zu reglementieren. Diese brauchten seine Genehmigung, wenn sie heiraten wollten, durften weder in der Fabrik noch in ihrer Wohnung ihm nicht genehme Zeitungen lesen oder Gaststätten besuchen, in denen solche auslagen.

Es entsprach dieser patriarchalisch gefärbten Unter­nehmerwillkür gegenüber den Arbeitern, daß Wilhelm II. sich entschieden der Einführung eines achtstündigen Normalarbeitstages widersetzte; befürchtete er doch von diesem »in sittlicher Beziehung« die Gefahr der »För­derung des Müßigganges« und einer noch stärkeren Teilnahme an »agitatorischen« Versammlungen .

In einer von den Braunschweiger Sozialdemokraten zum 1. Mai 1890 veröffentlichten Festschrift wurde die Ideolo­gie, die in dieser Haltung zum Ausdruck kam, wie folgt entlarvt:
»Achtstündiger Arbeitstag
Pfaff: Acht Stunden Arbeit nur! O welchem Lasterleben wird sich bei so viel freier Zeit das Volk ergeben.
Junker: Das würde mich gewiß nur wenig kränken. ‑ Doch hätt das Volk mehr Zeit an sich und uns zu denken.«

Der Erste Mai war für die herrschenden Klassen eine Herausforderung. Drohend stand vor ihnen die Gefahr der »ersten internationalen Tat der kämpfenden Arbeiter­klasse«51 und die Furcht, daß die deutschen Arbeiter über die ihnen mit dem Nationalismus, der bürgerlichen Moral und den bürgerlichen Rechtsnormen gesetzten Schranken hinwegschritten und damit ihre Solidarität mit ihren Klas­senbrüdern in der ganzen Welt bekundeten.

Die erste Maifeier der deutschen Arbeiterklasse

Die von den Arbeitern sehnlichst erwartete Maifeier fand an einem herrlichen Frühlingstag unter strahlend blauem Himmel statt. Von ihm hoben sich die roten Fahnen be­sonders kräftig ab, die vielerorts noch in der Nacht von Arbeitern an hohen Gebäuden, Schornsteinen, Bäumen oder Telegrafendrähten angebracht worden waren. Es gab wenige Städte oder Industrieorte, in denen die Arbeiter nicht ihren Ersten Mai feierten. Die Form der Maifeler war jedoch in den einzelnen Ortschaften recht unterschiedlich. Während die meisten Arbeiter dem Aufruf der so­zialdemokratischen Reichstagsf raktion Folge leisteten und jeder Konfrontation mit den herrschenden Klassen aus­wichen, hatten sich etwa 100000 Arbeiter nicht davon abbringen lassen, diesen Tag durch Arbeitsruhe zu be­gehen. Zu den Städten, in denen am 1. Mai Arbeitsnieder­legungen erfolgten, gehörten Berlin, Braunschweig, Bre­men, Breslau, Chemnitz, Danzig, Darmstadt, Dresden, Frankfurt (Mein), Frankfurt (Oder), Freiberg (Sachsen), Fürth, Hamburg, Köln, Königsberg, Leipzig, München, Nordhausen, Rostock und Zwickau.

An vielen Orten zogen die Arbeiter oft zu Tausenden bereits in den frühen Morgenstunden mit Frau und Kind ins Grüne. In Dresden nahmen an diesem Zug etwa 12000 Personen teil. In Berlin begaben sich am Morgen des 1. Mai gegen 20000 Arbeiter truppweise zu den verschiedenen Sammelplätzen in der Stadt, von wo sie dann mit ihren Berufsgenossen oder den Mitgliedern ihres sozialdemo­kratischen Wahlvereins Ausflüge in die Umgebung unter­nahmen. Solche Ausflüge oder »Massenspaziergänge« waren in den Jahren des Sozialistengesetzes zu einer Tradition geworden. Sie entsprachen dem Bedürfnis der Arbeiter, nach sechs Tagen kräftezehrender Arbeit in der freien Natur neue Kraft zu schöpfen, und boten zugleich günstige Möglichkeiten, um sich der Überwachung durch die Polizei zu entziehen.

Den Arbeitern war es bei Strafe verboten, rote Fahnen bei den Ausflügen mit sich zu führen. In ihrem blindwütigen Eifer stürzte sich die Polizei sofort auf alles, was auch nur im entferntesten Ähnlichkeit damit hatte, ob es nur ein roter Schirm oder ein rotes Taschentuch an einem Spazierstock war. Aber die Arbeiter wußten sich zu helfen. Als in Halle am frühen Nachmittag des 1. Mai ein Mas­senspaziergang stattfand, schwebte über dem Marktplatz von roten Kinderballonen getragenes langes rotes Banner mit der Aufschrift: »Trotz alledem und alledem!«

Die erste Maifeler wurde für viele, die damals daran teilnahmen, zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Davon zeugen die Erinnerungen der führenden Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung Ottilie Baader, die als junge Genossin diesen bedeutenden Tag erlebte: »Als ich an diesem ersten Maitag im Kreise lieber Menschen hin­auswanderte nach Grünau, war es herzbewegend für uns alle, als wir unsere geliebte Marseillaise von einem Leierkasten ertönen hörten. Die Gaben flossen reichlich, und erfreut darüber sagte der Drehorgelspieler zu seiner alten Lebensgefährtin: >Siehste, Mutterken, daß ich recht hatte< Er hatte das Stück zu diesem Tage auf den Leierka­sten bringen lassen.
Nur wer weiß, daß bis zur Aufhebung des Sozialisten­gesetzes unsere Lieder verboten waren und daß wir Liederbücher oder einzelne Blätter mit gedruckten Liedern nur heimlich vertreiben konnten, wird unsere Freude über das Spiel des Leiermannes begreifen.
An dem Bestimmungsort angelangt, wurden nun nach Herzenslust unsere Arbeiterlieder gesungen, wenn auch von ungeschulten, so doch von begeisterten Sängern: revolutionäre Gedichte von Heinrich Heine, Freiligrath u.a. wurden vorgetragen. Wohl jeder, der mit uns Feiernden gelobte, eifriger noch als bisher für die Erlösung der Menschheit aus Not und Unterdrückung wirken zu wollen, sein Leben in den Dienst unserer großen heiligen Sache zu stellen. Im ganzen Reiche, ja in der ganzen Welt hat wohl dieser erste Weltfeiertag wie eine Erlösung gewirkt und Kampfesmut und Entschlossenheit ausgelöst.«

In Hamburg war Ende April von einer Versammlung, an der 7000 Arbeiter teilnahmen, beschlossen worden, »in Anbetracht der Notwendigkeit der Einführung des achtstündigen Arbeitstages ... den 1. Mai 1890 als Feier­tag« zu erklären, an ihm »möglichst alle Arbeit« ruhen zu lassen und für »etwaige Gemaßregelte tatkräftig einzutre­ten«.53 Dem Beschluß leistete dann etwa ein Drittel aller Hamburger Arbeiter Folge, das heißt 20 000 bis 30 000; am zahlreichsten die Maurer, Zimmerer, Bauarbeiter, Ewerführer, Tischler und Werftarbeiter. Da die Polizei Umzüge und Versammlungen in der Stadt verboten hatte, war man in die Vororte gegangen.

Überall dort, wo die Maifeier mitArbeitsniederlegungen verbunden gewesen war, setzten am 2. Mai die von den Unternehmern angekündigten Repressalien ein. Beson­ders schwer trafen sie die Hamburger Arbeiter, von denen sofort 20000 ausgesperrt wurden. Alle organisierten Ar­beiter erhielten auf Anweisung des Arbeitgeberverbandes Hamburg‑Altona einen Revers vorgelegt, in dem sie sich durch Unterschrift »auf Ehrenwort« verpflichten sollten, aus ihrer Gewerkschaft auszutreten. Demjenigen, der nicht unterschrieb ‑ und das war die übergroße Mehrheit ‑, drohte ebenfalls die Aussperrung. Von ihren Arbeitgeber­verbänden erhielten die kapitalistischen Unternehmer Verzeichnisse mit dem Namen aller »Agitatoren« und Gemaßregelten. Durch solche »schwarzen Listen« wurde es den betreffenden Arbeitern nahezu unmöglich ge­macht, in einem anderen Betrieb einen Arbeitsplatz zu finden. Ihren jüngeren Mitgliedern empfahlen die Ge­werkschaften, sich an einem anderen Ort Arbeit zu suchen.

Eine Reihe Gewerkschaftsorganisationen beantwortete die Unternehmerschikanen mit dem Streik. Bald standen bis zu 20000 Arbeiter in einem Kampf, der sich zum Teil bis in den Spätsommer des Jahres hinzog und von beiden Seiten mit größter Erbitterung geführt wurde. Die Klas­senjustiz verhängte bei geringfügigsten Anlässen harte Strafen über die Ausgesperrten. Der Kampf kostete die Hamburger Gewerkschaften etwa eine halbe Million Mark und erschöpfte völlig ihre Geldmittel. Durch eine breite proletarische Solidaritätsbewegung in allen Teilen des Deutschen Reiches und auch im Ausland wurden Spenden in Höhe von über 100000 Mark aufgebracht.

Den Hamburger Arbeitern gelang es zwar, die Angriffe auf ihr Koalitionsrecht zurückzuweisen; ursprünglich auf­gestellte Forderungen nach Verkürzung derArbeitszeitauf in der Regel neun Stunden und Erhöhung der Löhne wurden jedoch nicht erfüllt. Die Massenaussperrungen forderten von der Partei und den Gewerkschaften der­artige Opfer, daß dadurch ein so starkes soziaidemokra­tisches Bollwerk wie Hamburg »auf längere Zeit nahezu vollständig kampfunfähig« wurde.

In allen Teilen des wilhelminischen Kaiserreiches und auch im Ausland übten die Arbeiter Solidarität mit den streikenden Klassenbrüdern in Hamburg. Die Hamburger Maikämpfe, in denen der grundlegende Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital besonders deut­lich hervorgetreten war, gaben den letzten Anstoß für die endgültige Formierung der sozialistischen Gewerkschafts­bewegung und für die Mitte November 1890 erfolgte Gründung der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands. Diese spielte zunächst bei der Führung und Organisierung des proletarischen Klassenkampfes sowie beim Aufbau einer zentralisierten Gewerkschaftsbewe­gung und deren Leitung eine maßgebliche Rolle.

Entnommen dem Buch "Kleine Geschichte des 1. Mai", Berlin/DDR

Joomla "wookie mp3 player 1.0 plugin" by Sebastian Unterberg