3. April 2025
KPÖ

Michael Graber: »60 Jahre nach dem Tod Ernst Kirchwegers «

Übernommen von KPÖ:

Ein besonderes Feld restaurativer Weichenstellungen in der Zweiten Republik nach der Befreiung vom faschistischen Terrorregime waren die Universitäten und Hochschulen. Diese bildeten bereits in der Ersten Republik nicht nur einen Hort der Reaktion, sondern auch ein wesentliches Rekrutierungsfeld der Nazis in Österreich.

Antisemitische Ausschreitungen der deutschnationalen Burschenschafter gegen jüdische Student:innen und Professor:innen waren in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts an der Tagesordnung. Und es gab auch Tote. Der nationalsozialistische Studentenbund war bereits vor der Machtergreifung der Nazis die stärkste politische Formation unter den Studierenden.

Auch nach der Befreiung 1945: Hochschulen blieben Tummelplatz der Nazis 

Im letzten Studiensemester vor der Befreiung 1944 gehörten über zwei Drittel des Lehrkörpers der NSDAP an. Das waren überwiegend keine Mitläufer:innen, sondern insbesondere in den Geisteswissenschaften aber auch an den medizinischen Fakultäten Propagandist:innen der NS-Ideologie, „Rassentheoretiker“ und Profiteure der Vertreibung der jüdischen Wissenschaftler:innen. Unter diesen Umständen gelang es vielen Nazi-Lehrenden ihren Posten mit dem Argument zu behalten, dass ohne sie der Betrieb dieses oder jenes Instituts oder Fakultät zusammenbrechen würde, da kein Ersatz zur Verfügung stand. Um exilierte Wissenschaftler:innen bemühte man sich nicht. 

So blieben der Korpsgeist und der elitäre Standesdünkel in großen Teilen des Lehrkörpers aber auch unter den Studierenden erhalten. Unter dem Deckmantel der Hochschulautonomie und durch die Aufrechterhaltung des Bildungsprivilegs reproduzierten sich diese Verhältnisse. Kein Wunder, dass die Universitäten und Hochschulen auch in den ersten Jahrzehnten der Zweiten Republik Tummelplatz und Rekrutierungsfeld reaktionärster Kreise der österreichischen Gesellschaft blieben.

1953 wurde erstmals der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) zu den ÖH-Wahlen zugelassen. Die rechtsextremen und deutschnationalen Studierenden, deren Stimmen bis dahin zum Teil den konservativen, der ÖVP nahestehenden Wahlparteien zugutekamen, erhielten damit eine legale Plattform. So erhielt der RFS 32 Prozent der Stimmen, ein Prozentsatz, der bis in die 60er Jahre anhielt und damit die Fortsetzung des Einflusses ehemaliger Nazi, Deutschnationaler und sonstiger Rechtsextremisten, Antisemiten und Neonazi auch unter den nachfolgenden Student:innenengenerationen offen dokumentierte. 

1965 – die Zäsur 

Aber 1965 gab es eine Zäsur. Es war die Affäre um den ehemaligen Naziprofessor Taras Borodajkewicz, die die offene deutschnationale und rechtextremistische Hegemonie an den Hochschulen und Universitäten ins Wanken brachte. Borodajkewycz hatte seit 1955 am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Hochschule für Welthandel eine Professur inne. Er gehörte zu den „minderbelasteten“ Naziprofessoren und wurde deshalb wieder zur Lehrtätigkeit zugelassen, obwohl er seit 1934 der bis 1938 illegalen NSDAP in Österreich angehört hatte (Mitgliedsnummer 6.124.741). Seit 1935 war er Mitarbeiter des NS-Nachrichtendienstes, Mitarbeiter des „Kulturreferats“ der SA und dann auch Schulungsleiter der SS. Als Beamter im Haus-, Hof- und Staatsarchiv wurde er 1940 Dozent an der Uni Wien und war 1942 bis 1945 Professor an der „deutschen“ Universität Prag. Es war schon bezeichnend für die Art der Tätigkeit der Entnazifizierungskommissionen einen derart schwer belasteten Nazi als „minderbelastet“ einzustufen. Wie zum Hohn bekannte sich Borodjkewycz  öffentlich zu seiner Laufbahn, die er „freiwillig“ eingeschlagen“ hatte, im Unterschied von jenen die behaupteten zur Mitgliedschaft in der Nazipartei gezwungen worden zu sein. Das Wirken Borodajkewiycz‘ wurde schließlich zur öffentlichen Affäre. 

Ein Artikel Borodajkewicz‘ in einer deutschen Zeitschrift, in der er neuerlich sein großdeutsches Geschichtsbild darlegte, führte im Jänner 1965 zu einer parlamentarischen Anfrage sozialistischer Abgeordneter an den damaligen Koalitionspartner, den ÖVP-Unterrichtsminister, mit der Aufforderung: „dass raschest Maßnahmen getroffen werden müssen, zu verhindern, dass ein Mann, der sich selbst derart disqualifiziert hat, … als Lehrer und Erzieher an einer österreichischen Hochschule tätig ist.“ Dieser weigerte sich einzugreifen, indem er sich auf die Hochschulautonomie berief. 

Den Rahmen parlamentarischer Auseinandersetzung sprengte schließlich die Fernsehsendung des Kabarettisten-Paares Gerhard Bronner und Peter Wehle „Zeitventil“. Sie brachten ein fiktives Interview mit Borodajkewicz. Die Fragen waren fiktiv, die Antworten allerdings Originalzitate des Professors.   

Borodajkewycz‘ Jünger greifen zur Gewalt 

So kam es zum Aufruf der österreichischen Widerstandsbewegung und eines antifaschistischen Studierendenkomitees sozialistischer, katholischer und kommunistischer Student:innen für eine Demonstration am 31.März 1965 für die Suspendierung Borodajkewycz‘. 

Die Demonstration nahm bei der Technischen Universität ihren Ausgangspunkt. Über 5000 Menschen marschierten über die Opernkreuzung zur Albertina. Von Anfang an waren Störtrupps der Nazistudenten unterwegs. Bereits bei der TU erfolgten erste Provokationen. Den Rufen „Heil Boro“, „Proleten raus“ und antisemitischen Beschimpfungen folgten erste Wurfgeschosse. 

Hinter der Oper kam es zu dem folgenschweren Zwischenfall. Ernst Kirchweger, der wie viele andere Kommunist:innen dem Demonstrationsaufruf gefolgt war, wurde von dem Angehörigen des RFS und Funktionär der FPÖ, dem polizeibekannten und wegen Sprengstoffattentaten verurteilten Günter Kümel durch einen Faustschlag niedergeschlagen und so schwer verletzt, dass Kirchweger zwei Tage später 67jährig am 2.April starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. 

Die größte antifaschistische Demonstration der Zweiten Republik 

Mit dem Tod Ernst Kirchwegers, somit das erste Opfer von Nazis in der Zweiten Republik, ging ein Aufschrei durch Österreich. Dutzende Betriebe schickten Protestbriefe an den ÖGB, an den Innen- und Unterrichtsminister mit der Forderung nach sofortiger Entfernung Borodajkewycz. In einigen wurde auch mit Streik gedroht. Schließlich rief der ÖGB für den 5.April zu einer österreichweiten fünfminütigen Arbeitsniederlegung im Gedenken an Ernst Kirchweger auf, die überall eingehalten wurde.  

In diesem Aufruf hieß es: „Diese Arbeitsruhe soll eine ernste Mahnung an jene sein, die glauben, dass 20 Jahre nach dem Ende eines Gewaltsystems Gewalttätigkeit und faschistischer Geist wieder geduldet werden“. 

Am 8.April fand die Trauerfeier für Ernst Kirchweger am Heldenplatz statt, zu der die österreichische Widerstandsbewegung und das antifaschistische Studierendenkomitee aufgerufen hatten. Im Trauerzug über den Ring marschierten neben der KPÖ-Führung die Regierungsmitglieder der SPÖ, einige hohe ÖVP-Funktionäre, das Präsidium des ÖGB und über 20.000 Menschen. Es war die größte antifaschistische Kundgebung seit 1945. 

Günter Kümel wurde wenige Tage nach der Tat verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Er wurde ein Jahr später wegen „Notwehrüberschreitung“ zu 10 Monaten Haft verurteilt und verließ das Gericht als freier Mann. 

ein Beitrag von Michael Graber, Bundesobmann ZVPÖ

 

Quelle: KPÖ