Zum 60. Jahrestag der Ermordung Ernst Kirchwegers
Übernommen von KOMintern:
Seit dem Jahr 1962 bewegte der „Fall Borodajkewycz“, der im März 1965 im Totschlag des Widerstandskämpfers und Kommunisten Ernst Kirchwegersgipfelte, die österreichische Öffentlichkeit. An diesem 31. März jährt sich diese als erster politischer Totschlag der Zweiten Republik in die Zeitgeschichte eingegangene Gewalttat, die mit Kirchweger zugleich das ersten Naziopfer nach 1945 zeitigte, zum 60. Mal.
Taras Borodajkewycz, bereits Mitglied der illegalen NSDAP von 1934 bis 1938, seit 1935 Mitarbeiter des NS-Nachrichtendienstes und späterauch Schulungsleiter der SS, wurde 1940 Dozent an der Uni Wien und daran anschließend von 1942 bis 1945 Professor für Geschichte an der „deutschen“ Universität Prag. Von der Entnazifizierungskommission bezeichnender Weise als bloß „minderbelasteter“ Nazi eingestuft sowie Dank seiner guten Beziehungen zur ÖVP – insbesondere zum damaligen Unterrichtsminister Heinrich Drimmel und dem späteren Bundeskanzler Josef Klaus – erhielt Borodajkewycz 1955 einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der seinerzeitigen Hochschule für Welthandel, der heutigen WU, wo er unter Heinrich Drimmel und dessen Nachfolger Theodor Piffl-Percevic (Unterrichtsminister ab 1964) unbehindert seine Nazitiraden zum Besten geben durfte.
Der junge Student und spätere Finanzminister Ferdinand Lacina schrieb im Zuge seiner Vorlesungen bei Borodajkewycz, die antisemitischen und großdeutschenKommentare und nazistische Propaganda des Naziprofessors mit. Dass diese zugleich von einem triefenden Antikommunismus durchdrungen war, versteht sich für eine Figur seines Schlages quasi von selbst. So charakterisierte er etwa Rosa Luxemburg in Nazi-Diktion als „jüdische Massenaufpeitscherin“. 1962 thematisierte dann der seinerzeitige Jurist der SP-Parlamentsfraktion Heinz Fischer, österreichischer Bundespräsident von 2004 bis 2016, unter Nutzung von Lacinas Mitschriften, den nazistischen UngeistBorodajkewycz‘und an Österreichs Hochschulen öffentlich.Ab da entspann sich für drei Jahre die „Affäre Borodajkewycz“– bis hin zu einer parlamentarischen Anfrage im Jänner 1965 aufgrund eines neuerlichen einschlägigen Artikels des Professors für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, in dem er erneut sein großdeutsches Geschichtsbild darlegte; war für ihn die „österreichische Nation“ doch eine „Sünde wider die Natur“, sprich: ‚wider die deutsche Natur‘.
Im März 1965 kam es schließlich zum Eklat, als Borodajkewycz im Rahmen einer Pressekonferenz im Auditorium Maximum der Hochschule, in deren Rahmen er von seinen studentischen Anhängern stürmisch gefeiert wurde und die teilweise im Fernsehen übertragen wurde, erneut antisemitische Tiraden von sich gab.In Reaktion darauf demonstrierten am 29. März hunderte Studierende und Antifaschisten gegen den nazistischen Ungeist und die faschistischen Umtriebe an den Hochschulen.Zwei Tage später, am 31. März 1965, fand eine weiter Demonstration der Österreichischen Widerstandsbewegung und eines Antifaschistischen Studentenkomitees gegen den Naziprofessor statt, an der sich 5.000 Demonstranten – voran Kommunist:innen, linke Student:innen und Arbeiter:innen – beteiligten.
Die Demonstration wurde von Anfang an von Störtrupps von Nazistudenten und mit Wurfgeschossen angegangen. Am Karlsplatz kam es schließlich zum Zusammenstoß mit Anhängern von Borodajkewycz. Nach „Hoch Boro“ und „Heil Auschwitz!“-Rufen attackiertenneonazistische Studenten, die an einer vom RFS (deren damaliger Sekretär der spätere FPÖ-Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager war) organisierte Gegenkundgebung teilnahmen, Nachzügler der antifaschistischen Demonstration. Dabei wurde der 67-jährige Widerstandskämpfer und Kommunist Ernst Kirchweger vom einschlägig vorbestraften und polizeibekannten Neonazi Günther Kümel (Mitglied der FPÖ-Jugendorganisation RFJ sowie des Bundes Heimattreuer Jugend – BHJ und Funktionär der FPÖ sowie bereits wegen eines Brandbombenanschlags und weiterem Sprengstoffattentats verurteilt), hinter der Oper in der Philharmonikerstraße niedergeschlagen und so schwer verletzt, dass Kirchweger zwei Tage später, am 2. April an den Folgen seiner Verletzungen starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
Ernst Kirchweger (zu seiner Biographie siehe: https://www.komintern.at/ernst-kirchweger-60-todestag/)ging damitals erstes politisches Todesopfer und erstes Naziopfer seit 1945 in die Geschichte der Zweiten Republik ein.
Am 8. April fand auf dem Wiener Heldenplatz die Trauerkundgebung für Ernst Kirchweger statt, zu der die Österreichische Widerstandsbewegung und das Antifaschistische Studierendenkomitee aufgerufen hatten. Im Trauerzug über den Ring zum Schwarzenbergplatz marschierten neben der KPÖ-Führung sämtliche Regierungsmitglieder der SPÖ, einige hohe ÖVP-Funktionäre und das Präsidium des ÖGB zusammen mit 25.000 Menschen. Das Begräbnis Ernst Kirchwegers war die bis dahin größte antifaschistische Demonstration der Zweiten Republik.
Der neonazistische Totschläger und Mörder Günther Kümel wurde im Oktober 1965 zu nur 10 Monaten Haft wegen „Notwehrüberschreitung“ verurteilt, obwohl er, wie die Anklage hervorhob, „im Rahmen seiner politischen Betätigung mehrfach aggressiv in Erscheinung getreten“ und bereits wegen Sprengstoffattentaten und illegalem Waffenbesitz vorbestraft war.
Quelle: KOMintern