Jeder Mensch hat nur ein Leben. Ein einziges. Und doch scheint sein Wert nicht zu zählen in den Augen von Menschen, die jeden Tag irgendwo entscheiden über fremde, namenlose Leben. Bei der kühlen Abwägung gegen jenen Vorteil, den man anstrebt für das eigene Bündnis, das eigene Land, den eigenen Konzern, die eigene Ideologie. Am Ende für sich selbst. Doch namenlose sind dennoch reale Leben, genauso viel wert wie das Leben dieser kühlen Strategen. Die scheinbar Größeres im Blick haben, den Wert von Menschen gegen einen gewichtigen Vorteil abschätzen und wohl auch ihren persönlichen Wert höher bemessen im Vergleich zu den Leben, die ihre Entscheidung kosten kann. Mit dem selbstsüchtigen Trost: Vielleicht tritt die Ultima Ratio, tritt das Schlimmste gar nicht ein.

Im Falle von Hiroshima und Nagasaki waren es Hunderttausende Leben, und das Schlimmste war genau so kalkuliert. Auch der strategische Effekt trat ein wie erwartet. Japan streckte als letzte der Achsenmächte die Waffen. Nun ist der 75. Jahrestag des Abwurfs der Bombe wieder Anlass zur Besinnung. Wie schon all die vorangegangenen. Die Besinnung hat den Lauf der Dinge nicht geändert. Vielleicht hat sie sein Tempo gemäßigt. Vielleicht.

Wie ehedem ist dieser Tag ein Tag des Schweigens - auch des Verschweigens. Vor allem die Zivilgesellschaft, Nichtregierungsorganisationen, Kirchen suchen an diesem Tag Worte der Vernunft - nicht die große Politik. Zu einem aber taugt dieser Tag nicht - als Argument zur Kritik an Japan und sein zwiespältiges Verhältnis zur Atomkraft, als Beispiel für die Gefahren der wirtschaftlichen Nutzung von Atomkraft, so richtig die Absage an Atomkraftwerke auch ist. Dieser Tag ist kein Beleg für ein Unglück. Er ist Ergebnis eines Verbrechens. Mit Ursachen, die zu allerletzt technischer Natur sind.

Quelle:

nd via ots

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