22 | 10 | 2019

Damit die Gewinne stimmen, wird den Erwerbstätigen heutzutage eine Einsatzfähigkeit abverlangt, die – in Prozenten ausgedrückt – eher spürbar über als knapp unter der 100-Prozent-Grenze liegen dürfte. Ein jeder hat nämlich dort, dann und solange anzutreten, wie es der Betrieb von ihm verlangt. Denn über Postenbesetzung, Schichtenpläne und Schichtdauer entscheidet allein das Patronat.

Über Mehrarbeit wird nicht lange diskutiert, sie wird den Beschäftigten einfach aufgezwungen, allerdings immer seltener durch Überstundenzuschüsse vergütet. Wer nicht mithalten kann (oder will), dem gibt man zu spüren, dass er fehl am Platz und im Betrieb auf Dauer ohne echte »Überlebenschancen« ist.

Sicher ein hartes Los für Kollegen, deren Gesundheit nicht mehr so richtig »mitspielen« will. Jedoch auch ältere Kollegen haben aufgrund der ihnen abverlangten Flexibilität und der seit Jahren zunehmenden Deregulierung der Arbeitszeitregelung immer häufiger Schwierigkeiten, den »Motor ununterbrochen am Laufen zu halten«. Besonders in Betrieben, in denen Druck und Stress aufgrund der vielen Verschlechterungen praktisch zur Normalität geworden sind.

Fakt ist, dass die Zahl derer, die den erschwerten Anforderungen nicht mehr voll gewachsen sind, in den letzten Jahren merklich zugenommen hat. Und damit auch die Zahl jener, die befürchten müssen, aus Gesundheitsgründen auf minder bezahlte Posten versetzt zu werden, oder – schlimmer noch – sogar ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Aus den Betrieben ist jedenfalls zu hören, dass aus diesen Gründen Kollegen es immer häufiger vorziehen, sich zu quälen, statt offen über ihre Gesundheitsprobleme zu klagen oder sich krankschreiben zu lassen. Zu groß könnte nämlich das Risiko sein, als »untauglich« und somit möglicherweise als »überschüssig« abgestempelt zu werden.
Verständlich diese Ängste, da krankheitsbedingte Abwesenheiten in den letzten Jahren zunehmend zu Kündigungen des Arbeitsvertrags geführt haben. Als Ursache wurde in solchen Fällen einfach angegeben, dass lange oder wiederholte Abwesenheiten den Betrieb zu sehr stören, kein Verlass mehr auf eine regelmäßige Mitarbeit bestehe, längere oder wiederholte Fehlstunden dem Betrieb zu große organisatorische Probleme bereiten.
In diese Logik passt auch, dass Neueingestellte heutzutage immer seltener mit unbefristeten Arbeitsverträgen eingestellt werden, sondern meistens nur mehr Zeitverträge erhalten. Eine Personalpolitik, die nicht nur das Ziel verfolgt, immer größere Teile der Belegschaft nur mit Einstiegslöhnen abzuspeisen, sondern die es dem Patronat auch ermöglichen soll, größeren Druck auf Neueingestellte auszuüben.

Wissend, dass CDD-Arbeitsverträge zunehmend nicht verlängert werden, vielfach bereits während oder spätestens nach Ablauf der Probezeit gekündigt werden, liegt es auf der Hand, dass Beschäftigte mit befristeten Arbeitsverträgen dazu verdammt sind, nicht unangenehm aufzufallen, schon gar nicht durch krankheitsbedingte Fehlstunden. Egal wie es um ihre Gesundheit bestellt ist.

Eine Personalpolitik, die deshalb so nicht länger hingenommen werden kann.

gilbert simonelli

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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