Das Thema Armut ist auch im reichen Luxemburg kein Tabu mehr. So belegen offizielle Statistiken, dass inzwischen nahezu 20 Prozent der Bevölkerung von Armutsrisiko bedroht sind, oder bereits in Armut leben. Eine Situation, die ohne Sozialhilfen sogar um ein Vielfaches schlimmer wäre. Auffallend dabei ist, dass immer häufiger auch Menschen betroffen sind, die einer bezahlten Arbeit nachgehen.

Die Ursachen dieser besorgniserregenden Entwicklung sind bekannt: Einerseits der seit Jahren anhaltende Sozialabbau – jahrelanger Indexklau, Desindexierung der Familienleistungen, höhere Eigenbeteiligung für medizinische Dienstleistungen und Pflege, Anheben der TVA, usw. – andererseits die von Unternehmerseite praktizierte Lohnpolitk.

Es gibt Beispiele zuhauf, die belegen, dass das Patronat alles aus der Welt geschafft sehen möchte, was die Finanzen des Betriebes in irgendeiner Form belastet. So haben es die Gewerkschaften immer schwerer, in Lohnverhandlungen lineare Lohnaufbesserungen zu erkämpfen. Schlimmer noch, in so manchen Betrieben sind nicht nur die Einstiegslöhne gekürzt und bestehende Lohntabellen nach unten revidiert oder außer Kraft gesetzt worden, auch Zuschüsse und sonstige hart erkämpfte »Extras« werden den Schaffenden immer seltener gezahlt. Die logische Folge davon ist, dass die Zahl der Niedriglohnverdiener von Jahr zu Jahr größer wird.

Eine Situation, die allerdings nicht erst durch die kapitalistische Finanz- und Wirtschaftskrise verursacht wurde, denn schon zuvor hatten wir vor dieser beängstigenden Entwicklung gewarnt, als eine Studie festhielt, dass rund 60 Prozent aller im Jahr 2006 neu eingestellten Erwerbstätigen weniger als 1,25 Mal den Mindestlohn verdienen. Eine Lohnentwicklung, die sich bis heute nicht zum Positiven gewendet hat.
Um die Lohnmasse zu drücken – ohne Zweifel der schnellste und einfachste Weg, um die Gewinne der Unternehmer zu maximieren – sind dem Patronat alle Mittel recht. So werden beispielsweise Arbeitsplätze des Öfteren nur deshalb abgebaut, um sie später durch Beschäftigte mit Zeitverträgen auf minder bezahlten Posten ersetzen zu können. Genau so skandalös ist, dass Produktivitätsprämien, Gratifikationen oder Jahresendprämien immer häufiger nur dann zu 100 Prozent ausbezahlt werden, wenn der Mitarbeiter über das gesamte Jahr ohne Fehlstunden, also ohne Krankmeldung, über die Runden kommt.

Nicht einmal vor der einseitigen Aufkündigung von Kollektivverträgen schreckten einige große Unternehmer in den letzten Jahren zurück, um anschließend schlechtere Arbeitsbedingungen einzuführen, Löhne zu kürzen, freie Tage zu streichen, Prämien und sonstige »Extras« abzuschaffen. So ganz nach dem Motto »mehr Arbeit für weniger Lohn«.

Das darf so nicht weiter hingenommen werden. Die Arbeitskraft muss aufgewertet werden. Dies kann in Kollektivertragsverhandlungen am ehesten über lineare Lohnaufbesserungen erfolgen. Da jedoch fast die Hälfte aller arbeitenden Menschen nicht kollektivvertraglich abgesichert ist – Lohnaufbesserungen demnach nicht zwischen Patronat und Gewerkschaften ausgehandelt werden – darf kein Weg an einer weiteren, deutlichen Aufbesserung des Mindestlohns vorbeiführen.

gilbert simonelli

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek