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Luxemburg

Gestern jährte sich die Abschaffung der Grenzkontrollen im Rahmen des Schengener Abkommens zum 25. Mal. Zum Feiern gab es seither für die Bürger der einzelnen Länder lediglich, daß sie sich beim physischen Übertritt nicht mehr in die Schlangen an den Grenzkontrollposten einreihen mußten. Vieles, was die einfachen Menschen betrifft, blieb bis heute mit Barrieren behaftet. Die Grenzenlosigkeit galt in erster Linie dem freien Waren- und Kapitalverkehr.

Aktuell aber hat dieses gestrige Jubiläum ganz besonders wenig Anlaß zur Freude gegeben, zeigen doch die eigenmächtigen Aktionen einzelner Länder innerhalb der EU in Zeiten der Corona-Krise, daß dieses Staatenbündnis ein Papiertiger ist, wenn es darum geht, tatsächlich an einem Strang zu ziehen. Ganz besonders ein Transitland wie Luxemburg ist davon betroffen, wenn die Nachbarstaaten ihre Grenzen dicht machen. Lastwagen mit wichtigen Waren stehen an den Grenzen in der Schlange, Grenzgänger auf dem Weg von und zur Arbeit ebenso.

Während in Luxemburg das öffentliche Leben bereits eingeschränkt worden war, wurde in deutschen Parks noch gefeiert und flaniert, waren Cafés und Restaurants noch geöffnet. Das erste, was den Autoritäten dann einfiel, war, die Grenzen zu den Nachbarländern zu schließen. Dabei wissen wir, daß ein Virus sich nicht von Grenzen auf dem Papier stoppen läßt. Insbesondere dann nicht, wenn es weiterhin Ausnahmen beim Grenzübertritt gibt. Doch sollen die Grenzgänger, wie etwa an der deutsch-tschechischen Grenze dieser Tage, abgewiesen werden? Sollen Warentransporte über die Straße gestoppt werden?

Die Menschen in Luxemburg und der Region drum herum haben sich in den vergangenen Jahren an das gewöhnt, was man ihnen als »Großregion« propagiert hat: In einem Land leben, im Nachbarland wohnen, in einem dritten Land Freunde oder Familie haben. Wenn dies nun, womöglich über Monate, aufgrund einseitiger Aktionen unterbrochen ist, kommt es zu schwierigen Situationen im Alltag. Dabei wäre es doch eigentlich kein Problem, wenn sich alle an die gebotenen Hygienevorschriften hielten, sich diesseits oder jenseits einer Grenze aufzuhalten.

Dazu kommt, daß aufgrund massiver Ausgangsbeschränkungen in den Ländern ohnehin schon ein hohes Maß an hygienischen Vorkehrungen getroffen wurden und jetzt, da das Virus ohnehin auf allen Seiten zu finden ist, der Sinn der Grenzschließungen, nämlich Infektionsketten zu kappen, hinfällig geworden ist.

Die aktuellen Maßnahmen, die insbesondere von Berlin ausgehen, von wo aus alle Grenzen weit weg zu sein scheinen, sorgen dafür, daß sich alle Versprechen, die den Menschen in der Großregion seit Jahren über Zusammenhalt und Solidarität gemacht wurden, in Wohlgefallen auflösen und deutlich wird, was die Kritiker schon immer wußten: Diese EU fördert in erster Linie die Freizügigkeit des Geldes und der billigen Arbeitskräfte, aber sobald Probleme auftreten, zieht sich jeder medienwirksam in sein nationales Schneckenhaus zurück. Wie wäre es aber, größer zu denken? Wie wäre es, angesichts drohender Knappheit bei medizinischem Personal und Material etwa über den Unsinn von einzuhaltenden Rüstungsausgaben nachzudenken?

In Post-Coronazeiten wird dann wahrscheinlich wieder von grenzüberschreitender Solidarität und Großregion schwadroniert werden.

Christoph Kühnemund

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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