Sonntag, 30. April 2017
Solidaritätsanzeige

Kommentare von Fidel CastroKommentare von Fidel CastroLiebe Genossen,

im Jahr 2006 bin ich von meinen Ämtern zurückgetreten. Die Gründe waren gesundheitliche, die nicht mit der Zeit und dem notwendigen Einsatz zur Erfüllung einer Pflicht in Einklang zu bringen waren, die ich mir gestellt hatte, als ich am 4. September 1945, vor 70 Jahren, in diese Universität eingetreten bin.

Ich war kein Arbeiterkind und mir fehlten nicht die materiellen und gesellschaftlichen Ressourcen für ein relativ gemütliches Leben. Ich könnte sagen, dass ich wie durch ein Wunder dem Reichtum entkommen bin. Viele Jahre später erklärte der zweifellos sehr begabte und mit 100 Milliarden Dollar reichste Nordamerikaner einer Agenturmeldung vom vergangenen Donnerstag, 22. Januar, zufolge dass das die Reichen privilegierende Produktions- und Verteilungssystem die Armen von Generation zu Generation zu Reichen machen werde.

In den Zeiten des alten Griechenland, vor fast 3000 Jahren, waren die Griechen – ohne zu sehr in die Tiefe gehen zu wollen – in fast allen Bereichen brillant: Physik, Mathematik, Philosophie, Architektur, Kunst, Wissenschaft, Politik, Astronomie und andere Zweige des menschlichen Wissens. Aber Griechenland war ein Land der Sklaven, die auf dem Land und in den Städten die härteste Arbeit verrichteten, während sich die Oligarchie dem Schreiben und Philosophieren widmete. Die oben erwähnte Utopie wurde gerade von ihnen geschrieben.

Betrachten wir genau die Realitäten dieses bekannten, globalisierten und sehr schlecht aufgeteilten Planeten Erde, auf dem jede lebenswichtige Ressource bekannt und entsprechend historischer Faktoren verteilt ist: Einige besitzen viel weniger, als sie brauchen, während andere so viel besitzen, dass sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Inmitten großer Bedrohungen und Kriegsgefahren herrscht Chaos bei der Distribution der Finanzressourcen und bei der Verteilung der gesellschaftlichen Produktion. Die Weltbevölkerung ist zwischen den Jahren 1800 und 2015 von einer Milliarde auf sieben Milliarden Bewohner angewachsen. Können in den kommenden 100 Jahren auf diese Weise, egal wie groß die Fortschritte der Wissenschaft sein mögen, das Bevölkerungswachstum und der Bedarf der Weltbevölkerung an Lebensmitteln, Gesundheitsversorgung, Wasser und Wohnraum bewältigt werden?

Doch wenn wir diese Probleme beiseite lassen, ruft es Staunen hervor, daran zu denken, dass die Universität von Havanna in jenen Tagen, in denen ich dieser geliebten und angesehenen Institution vor fast einem Dreivierteljahrhundert beigetreten bin, die einzige war, die es in Kuba gab. Deshalb müssen wir, Genossen Studenten und Professoren, uns daran erinnern, dass es nicht mehr um eine geht, sondern dass wir heute mit mehr als 50 Hochschulzentren rechnen können, die über das gesamte Land verteilt sind.

Als ihr mich zur Teilnahme an der Eröffnung der Veranstaltungen zum 70. Jahrestag meines Universitätseintritts eingeladen habt, wovon ich überrascht erfahren habe, während ich in diesen Tagen mit zahlreichen Themen beschäftigt bin, bei denen ich noch relativ nützlich sein kann, beschloss ich, mich einige Stunden auszuruhen und der Erinnerung an diese Jahre zu widmen.

Es überwältigt mich zu entdecken, dass 70 Jahre vergangen sind. Wie mich einige fragen: Tatsächlich würde ich, wenn ich mich in jenem Alter noch einmal einschreiben würde, ohne zu zögern für eine wissenschaftliche Karriere entscheiden. Bei meinem Abschluss würde ich wie Guayasemín sagen: Hinterlasst mir ein entzündetes Lichtlein.

In jenen Jahren, in denen ich bereits von Marx beeinflusst war, gelang es mir, die merkwürdige und komplizierte Welt, in der wir alle zu leben bestimmt sind, mehr und besser zu verstehen. Ich konnte mich von den bürgerlichen Illusionen lösen, deren Tentakel viele Studenten umklammert hielten, solange sie weniger Erfahrung als Leidenschaft besaßen. Dieses Thema wäre lang und endlos.

Ein anderes Genie des revolutionären Handelns war Lenin, der Gründer der Kommunistischen Partei. Deshalb habe ich keine Sekunde gezögert, als ich im Moncada-Prozess, an dem ich – wenn auch nur ein einziges Mal – teilnehmen durfte, vor den Richtern und Dutzenden hohen Batista-Offizieren aussagte, dass wir Lenin-Leser waren.

Von Mao Zedong sprechen wir nicht, weil die von gleichen Ideen inspirierte sozialistische Revolution in China noch nicht vollendet war.

Ich warne aber, dass die revolutionären Ideen immer in dem Maße in der Vorhut sein müssen, in dem die Menschheit ihre Kenntnisse vervielfacht.

Die Natur lehrt uns, dass zig Milliarden Lichtjahre vergangen sein können, doch das Leben ist in jeder seiner Ausdrucksformen immer den unglaublichsten materiellen und Strahlenkombinationen unterworfen.

Bei der Beerdigung von Nelson Mandela, dem herausragenden und beispielhaften Kämpfer gegen die Apartheid, der mit Obama befreundet war, gab es den persönlichen Gruß zwischen den Präsidenten Kubas und der Vereinigten Staaten.

Es sollte reichen darauf hinzuweisen, dass zu diesem Datum bereits zahlreiche Jahre vergangen waren, seit die kubanischen Truppen in überwältigender Weise die von der reichen Bourgeoisie geführten und mit enormen ökonomischen Mitteln ausgestattete Rassistenarmee Südafrikas besiegten. Dies ist die Geschichte eines Kampfes, die noch geschrieben werden muss. Südafrika, die Regierung mit den größten Finanzmitteln dieses Kontinents, besaß Kernwaffen, die ihm vom rassistischen Staat Israel geliefert wurden, auf der Grundlage eines Abkommens zwischen diesem und dem Präsidenten Ronald Reagan, der ihre Übergabe autorisierte, damit solche Waffen gegen die kubanischen und angolanischen Kräfte eingesetzt werden konnten, die die Volksrepublik Angola gegen die Besetzung des Landes durch die Rassisten verteidigten. Auf diese Weise wurde jede Friedensverhandlung ausgeschlossen, während Angola von den Kräften der Apartheid mit der am besten trainierten und ausgerüsteten Armee des afrikanischen Kontinents angegriffen wurde.

In dieser Situation gab es keine Möglichkeit für eine friedliche Lösung. Die unermüdlichen Anstrengungen zur Beseitigung der Volksrepublik Angola, sie mit der Macht dieser gut trainierten und ausgerüsteten Armee ausbluten zu lassen, waren es, die die kubanische Entscheidung bedingten, in der ehemaligen NATO-Basis Cuito Cuanavale, das Südafrika um jeden Preis besetzen wollte, einen umfassenden Schlag gegen die Rassisten zu führen.

Dieses anmaßende Land wurde gezwungen, einen Friedensvertrag auszuhandeln, der die militärische Besatzung Angolas und die Apartheid in Afrika beendete.

Der afrikanische Kontinent wurde frei von Atomwaffen. Kuba musste zum zweiten Mal dem Risiko eines Atomangriffs begegnen.

Die internationalistischen kubanischen Truppen haben sich ehrenvoll aus Afrika zurückgezogen. Es begann die Besondere Periode in Friedenszeiten, die mehr als 20 Jahre dauerte, ohne dass wir die weiße Fahne gehisst hätten – was wir ohnehin nie taten und niemals tun werden.

Viele Freunde Kubas kennen die beispielhafte Haltung unseres Volkes, und ihnen erkläre ich in wenigen Worten meine zentrale Haltung.

Ich vertraue nicht der Politik der Vereinigten Staaten und habe mit ihnen auch kein Wort gewechselt. Das bedeutet aber nicht die Ablehnung einer friedlichen Beilegung der Konflikte oder Kriegsgefahren. Den Frieden zu verteidigen ist eine Pflicht aller. Jede friedliche oder Verhandlungslösung der Probleme zwischen den Vereinigten Staaten und den Völkern oder irgendeines Volkes Lateinamerikas, muss ohne die Drohung mit Gewalt oder deren Einsatz entsprechend der internationalen Prinzipien und Normen behandelt werden. Wir werden immer die Zusammenarbeit und die Freundschaft mit allen Völkern der Welt verteidigen, darunter auch mit denen unserer politischen Gegner. Das ist es, was wir für alle fordern.

Der Präsident Kubas hat entsprechend der Vorgaben und Befugnisse, die ihm die Nationalversammlung und die Kommunistische Partei Kubas übertragen haben, die angemessenen Schritte unternommen.

Die schweren Gefahren, die heute der Menschheit drohen, sollten Normen weichen, die mit der menschlichen Würde vereinbar sind. Von solchen Rechten ist kein Land ausgeschlossen.

In diesem Geist habe ich gekämpft und werde ich bis zum letzten Atemzug kämpfen.

Fidel Castro Ruz

26. Januar 2015
12.35 Uhr

Übersetzung: André Scheer, junge Welt

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