24 | 08 | 2019

Die meisten Opfer der US-Besatzer waren ZivilistenTrotz aller Einschüchterungsversuche hat das Enthüllungsportal WikiLeaks ernst gemacht und mehr als 400.000 Geheimdokumente der US-Besatzungstruppen im Irak veröffentlicht. Bereits vor zehn bis zwölf Wochen hatten die Betreiber des Portals die Dokumente einer Reihe internationaler Medien zugespielt, diese jedoch verpflichtet, bis zum gestrigen Freitagabend Stillschweigen zu bewahren. Dadurch erreichte WikiLeaks, dass praktisch zeitgleich zur Veröffentlichung der Dokumente auf http://warlogs.wikileaks.org/ bereits Analysen der Papiere im Netz zu finden waren. So berichtet das Londoner Büro für Investigativen Journalismus (TBIJ), dass es in den vergangenen drei Monaten knapp 400.000 »Logs« über die Kriegsjahre 2004 bis 2009 ausgewertet habe - mehr als 37 Millionen Worte, die wichtige militärische Aktionen im gesamten Gebiet des Irak belegen: »Dieses Material bietet ein einzigartiges Abbild eines der umstrittensten Kriege der modernen Zeit.«

Zum ersten Mal zeigten die Dokumente, so das Büro, wie detailliert die US-Besatzer die eskalierende Gewalt im Irak dokumentierten, und wie sehr dies den öffentlichen Darstellungen der Politiker in Washington (und anderswo) widerspricht. »Das ist die Geschichte hinter den Erklärungen - Washington wollte nicht, dass wir die unzensierten Details kennen«, so das TBIJ.

Wie WikiLeaks selbst feststellt, belegen die Dokumente den Tod von 109.032 Menschen im Irak, von denen nach eigener Einschätzung der Besatzer 66.081 Menschen - also mehr als 60 Prozent aller Todesopfer - Zivilisten gewesen seien. 23.984 Getötete gelten damit als »feindliche Kräfte«, womit die Aufständischen gemeint waren, 15.196 waren Angehörige der irakischen Regierungstruppen und 3771 Opfer gehörten den eigenen oder befreundeten Truppen an.

Weiter belegen die Dokumente unzählige Fälle von Misshandlungen in den irakischen Gefängnissen, die auch nach dem Skandal um das Foltergefängnis Abu Ghraib nicht eingestellt wurden. Tausende brutal gefolterte Menschen wurden einfach auf die Strasse geworfen. »Durch diese Berichte sehen wir in militärischen Momentaufnahmen die vollen Auswirkungen, die der Krieg auf die Iraker - Männer, Frauen und Kinder - hatte. Das Ausmass von Tötungen, Verhaftungen und Gewalt liegt erstmals offen vor«, kommentiert das TBIJ.

Das Büro informierte vor der Veröffentlichung das US-Verteidigungsministerium in Washington, damit dieses die Möglichkeit zu einer Stellungnahme haben sollte. Auf die Vorwürfe ging die Administration jedoch nicht ein, sondern teilte den investigativen Journalisten mit: »Wir verurteilen scharf die unautorisierte Offenlegung als geheim deklarierter Dokumente und werden diese durchgesicherten Dokumente nicht anders kommentieren als dass diese Berichte über 'bedeutenden Aktivitäten' erste, grobe Beobachtungen taktischer Einheiten sind. Sie sind im Kern Momentaufnahmen von Ereignissen, die sowohl tragisch als auch banal sind, und sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Das bedeutet, dass die von diesen Reports abgedeckte Periode in Nachrichten, Büchern und Filmen gut behandelt worden ist und die Veröffentlichungen dieser Reports aus dem Feld kein neues Verständnis der Vergangenheit des Irak erlaubt.«

Das sehen Beobachter jedoch anders. So geht aus den Dokumenten hervor, dass es das von den USA versprochene Umdenken nach dem Folterskandal von Abu Ghraib 2004 nicht stattgefunden hate. Im Zeitraum vom August 2005 bis Ende 2009 gibt es in den durchgesickerten Dokumenten 303 Berichte über Misshandlungen durch die Truppen der Besatzerkoalition, davon beinhalten 42 schwere Übergriffe wie den Einsatz von Elektroschockgeräten, Schlägen, Wasserfolter und Scheinhinrichtungen. In nahezu der Hälfte der Fälle wurden die Folterungen durch US-Mediziner begleitet.

Am 22. Februar 2007 griff die Besatzung eines Hubschraubers Aufständische an, die offenbar einen Anschlag geplant hatten. Nachdem deren Fahrzeug durch Schüsse fahrunfähig gemacht worden war, verliessen die »feindlichen Kämpfer« das Auto, um sich zu ergeben. Daraufhin fragte die Besatzung - Codename »Crazyhorse« - bei ihrer Kommandostelle nach und bekam daraufhin die »Rechtsauskunft«, dass die Gegner sich keinem Helikopter ergeben könnten und weiter legitime Angriffsziele seien. Daraufhin wurden diese kapitulierenden Soldaten ermordet. Die Behauptung, feindliche Soldaten könnten sich keinem Hubschrauber ergeben, wird von Experten scharf zurückgewiesen. »Die Möglichkeit zur Kapitulation ist ein Grundgesetz im Krieg«, betont beispielsweise Claude Bruderlein von der Harvard University.

Quellen: Iraq War Logs, WikiLeaks / RedGlobe

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