16 | 12 | 2019

Apotheke in Athen„Griechische Schuldenkrise: Medikamenten-Mangel setzt Leben aufs Spiel“ titelte kein rotes Medium am 8. Juni 2012, sondern der „linksliberale“ Guardian aus London. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Griechenland die erste große „Medikamenten-Krise“, und im Internet kursierte ein YouTube-Video mit Datum vom 6. Juni, in dem man eine Apotheke in Athen nur von draußen sah, aber drinnen eine Frau schrie: „Und woher kriege ich nun meine Medikamente?!“

 

Damals war dieser für alle chronisch Kranken und alle Rentner, die auf Medikamente angewiesen sind, dramatische Spuk nach gut zwei Wochen vorbei. Die zahlungsunfähige griechische Sozialversicherung traf „Vereinbarungen“, und es schien alles fast in Butter zu sein.

Im Herbst folgte dann die „Krise der griechischen Krankenhäuser“, die nichts anderes bedeutete, als dass in ganzen Regionen, die größer sind als das Saarland, kein einziges Krankenhaus mehr Medikamente oder Materialien vom Pflaster bis zur Einwegspritze mehr erhält. Dieser Zustand hält bis heute an: Im Bezirk Alexandroupolis müssen Verwandte oder Freunde von Patienten zum Beispiel alles –  von Tupfern über Antibiotika bis hin zu teuren Krebsmitteln – erst „auf privat“ in einer Apotheke kaufen, bevor jemand operiert werden kann. Vor Tourismus in Griechenland muss man also Einzelreisende warnen: Schon ein recht banaler Verkehrsunfall kann tödlich sein!

Dieser Zustand hat sich seit Mitte November 2012 verschärft: Die Apotheken werden kaum noch beliefert, seit die Regierung „die Preise gesenkt hat“. Man hofft, dass das Problem „bis Jahresende“ beseitigt wird, wenn die Regierung einen Überblick über ihre Finanzen hat… Nur: Bis dahin könnten Zehntausende an chronischen Krankheiten gestorben sein, weil ihnen die benötigte Versorgung verweigert wird.  

Eigentlich ist dieser Zustand nichts neues. In Griechenlands Nachbarländern Albanien, Ex-Jugoslawien und Bulgarien gab es in den 90er Jahren sogenannte „Staatsbankrotte“, was nichts anderes bedeutete, als dass das Gesundheitssystem, Renten und Beamtengehälter jeweils über Monate nicht gezahlt wurden.

Wen auch immer ich aus diesen Ländern gefragt hab: Sie kennen nicht nur alle gemeinsam eine Zeit, in der sie zwei, drei Monate von mühsam ergattertem trocken Brot und Leitungswasser gelebt haben, sondern kennen auch eine Zeit, in der viele Verwandte und Freunde starben. Wo es schon am Brot mangelt, woher sollen Medikamente wie Blutdrucksenker, Insulin und andere kommen?

Der Schnitt im Gesundheitswesen Osteuropas hat seine Wirkung gehabt, und das dauerhaft. Er entlastete nicht nur bis heute das „Gesundheitswesen“, sondern auch die Rentenkassen. „Wettbewerbsfähigkeit“ garantiert!

Aus deutscher Perspektive ist die Lage zum Beispiel in Bulgarien besonders schauderhaft. In Deutschland leben fast 27 Prozent Rentner und Pensionäre – ein Land wie Bulgarien, in dem oft mehr als die halbe Mindestrente für einen Arztbesuch draufgeht, hat weniger als zehn Prozent Rentner. Dabei sind seit über 20 Jahren reichlich junge Leute ausgewandert … Man sollte also eigentlich eher zwischen 30 und 40 Prozent Ruheständler erwarten… Aber deren Bilder sieht man oft nur noch auf Todesanzeigen, die nicht in der Zeitung erscheinen (kein Geld), sondern an Haustüren und am Kirchhof liebevoll aufgehängt sind, oft laminiert, damit sie halten. 2011/2012 kulminierte das in einer wahren Flut von „Todesjubiläen“, die an die 1991/92 und 1996/97 Verstorbenen erinnerten, den beiden Zeiten der bulgarischen Staatszusammenbrüche ..

Im Frühjahr 2012 saß ich bei bestem Sonnenschein in Prag in einer Straßenbahn, aber obwohl es Sonntag kurz vor Kaffeezeit war: Weniger als zehn Prozent der Passanten hatte „graue Haare“. Demgegenüber Tallinn ein paar Wochen später: Busse und Bahnen waren voll mit Rentnern. Kurz darauf Sofia: Eine „junge Stadt“, ich hasse inzwischen diesen Ausdruck!

Eine Woche später Dobritsch in Nordostbulgarien: Rentner wuseln durch die Fußgängerzone, die auch zwei große Second-Hand-Klamottenläden kennt…

Der Osten Europas, außer der einstigen DDR, ist heute stark „seniorenreduziert“. Griechenland ist gerade dran, das restliche Südeuropa könnte folgen. Und die Staats-, Finanz-, und Währungskrisen werden munter weiter inszeniert, obwohl DAX und Dow-Jones keine zehn Prozent unter ihren historischen Höchstständen liegen, der MDAX hat sogar ein Allzeithoch erreicht.

Es ist keine „Krise“. In Griechenland erleben wir ein Massaker an chronisch Kranken und Alten unter Vorspiegelung einer „Krise“… Und wann erreicht dieses Massaker uns? Unsere „Schuldenbremse“ garantiert, dass auch in der BRD bald Steuerzuschüsse an die Krankenkassen gekürzt werden...

 

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