22 | 05 | 2019

Auch die Tageszeitung junge Welt berichtete in ihrer Wochenendausgabe von den Hungerstreiks in SpanienNachtrag, 22. November 2013: Jorge hat seinen Hungerstreik nach mehr als 40 Tagen beendet, weil die gesundheitlichen Risiken zu groß geworden sind

Tausende junge Spanier sind in den vergangenen Monaten in andere Länder ausgewandert, um dort Arbeit zu finden. Jorge Arzuaga hat sich für einen anderen Weg entschieden. Der 25jährige Ingenieur aus Bilbao hätte wohl gute Chancen gehabt, etwa in Deutschland einen Job zu finden. Doch er entschied sich, den Rücktritt der spanischen Regierung und vorgezogene Neuwahlen zu fordern, damit die Gesellschaft aktiv wird. Dafür trat er vor inzwischen einem Monat in einen unbefristeten Hungerstreik – und das an der Puerta del Sol, dem zentralen Platz der Hauptstadt Madrid. Um sich herum hat er Kartons aufgestellt, die Auskunft über seine Absichten geben: „Wer ich bin? Ein Bürger. Was ich mache? Hungerstreik. Warum? Für dich, für mich: wegen der Arbeitslosigkeit, Korruption, Zwangsräumungen, dem Gesundheitswesen, der Bildung...“

 

Jorge ist kein naiver Idealist, sondern hat klare politische Positionen, wie er dem Onlineportal periodismodigno,com sagte. „Ich bin für eine Spanische Republik, für eine partizipative Demokratie, für die Kontrolle der strategisch wichtigen Ressourcen“. Sein wichtigstes Ziel aber sei, dass die Gesellschaft endlich aktiv werde. „Ich will, dass wir Resignation und Angst hinter uns lassen, dass die Menschen aufwachen,“ sagte er in einer Sendung des Fernsehsenders Telecinco. „Meine Mutter hat Arbeit, und mein Vater ist Rentner. Ich könnte jetzt den Hungerstreik aufgeben und in mein Leben zurückkehren. Aber viele Menschen haben es nicht so leicht“, betonte er im Gespräch mit der Tageszeitung El Mundo.

In den vergangenen Tagen haben sich vier Jugendliche Jorges Protest angeschlossen. Im Gespräch mit junge Welt berichtete der 24jährige Álex, ein arbeitsloser Sportlehrer, dass täglich mehr Menschen zu ihnen kämen, um ihre Solidarität zu erklären. Seine Genossen, der 22jährige Alejandro und die 24jährige Fran, sind Studenten. Die älteste der Gruppe ist Gisela, eine 45 Jahre alte Informatikerin, die seit anderthalb Jahren erwerbslos ist und versuchen muß, ihre beiden Kinder durchzubringen. „Ich bin lieber hier und protestiere als dass ich zu Hause sitze und nichts tue“, sagte sie Journalisten.

Als Jorge nur mit einem Rucksack in Madrid ankam, um durch seinen Hungerstreik die Regierung zu stürzen, konnte er nicht ahnen, dass sein Beispiel weit über die Hauptstadt hinaus Nachahmer finden würde. In Sevilla hat sich Mané Flores auf der Plaza de la Constitución dem Hungerstreik angeschlossen, um einen vernünftigen Arbeitsplatz zu fordern. Manuel Fernández ist in ein „Medikamentenstreik“ getreten: Er werde die für ihn notwendige Medizin erst wieder einnehmen, wenn die Zuzahlungen abgeschafft sind. Auf der Plaza del Pilar in Zaragoza fordert Javier wie die fünf in Madrid den Rücktritt der Regierung. In Asturien verweigern fünf Bergleute die Nahrungsaufnahme, die in Folge ihrer Arbeit eine Quecksilbervergiftung mit schweren gesundheitlichen Folgen erlitten haben, sich aber von den Behörden und Unternehmern im Stich gelassen fühlen.

Um den Charakter ihres Protestes zu unterstreichen, haben die Bergleute in einer symbolischen Aktion Lebensmittel gesammelt, um diese an Familien weiterzugeben, die ebenfalls hungern, dies aber nicht aus eigenem Entschluss tun. In kurzer Zeit kamen so rund 700 Kilogramm Essen zusammen, die an bedürftige Familien verteilt wurden.

Die Behörden stellen sich bislang den Protesten gegenüber taub oder zeigen sich offen feindselig. So machte am vergangenen Dienstag das Gerücht die Runde, die Hungerstreikenden in Madrid sollten von der Puerta del Sol vertrieben werden. Spontan versammelten sich daraufhin Dutzende Menschen bei den fünf Protestierenden, um deren Räumung zu verhindern. Tatsächlich wollten die Behörden jedoch nur, dass sie etwas zur Seite rücken, damit der traditionelle Weihnachtsbau aufgestellt werden konnte. Zu dessen Entzündung versammelten sich Vertreter der staatlichen Lotterie und Wettbüros. Die Polizei versuchte dabei zu verhindern, dass die Hungerstreikenden mit den Feiernden auf einem Foto erscheinen und forderte sie zum Verlassen des Platzes auf. Das verweigerten die Protestierenden und nahmen die daraufhin von den Beamten Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt in Kauf, die sie rund 1000 Euro kosten könnte.

Von der Jugendarbeitslosigkeit ist in Spanien mehr als die Hälfte der jungen Generation betroffen, unabhängig von ihrem Bildungsgrad. In einigen Regionen wie Almería sind es sogar bis zu drei von vier Jugendlichen, die keine Arbeit finden können. Die zweite am meisten betroffene Gruppe sind die älteren Erwerbslosen. Rund 60 Prozent der über 45jährigen sind bereits länger als zwei Jahre ohne Job, was bedeutet, dass sie keine Arbeitslosenhilfe mehr erhalten. Andere Unterstützungsleistungen gibt es in Spanien nicht, abgesehen von einer kleinen Hilfe für ganze Familien, die weniger als 500 Euro beträgt. Zudem ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten heute doppelt so hoch wie vor zehn und dreimal höher wie vor 20 Jahren.

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